Blick in einen Raum der Marbacher Ausstellung. Fotos:DLA Marbach - © DLA-Marbach, www.dla-marbach.de
Blick in einen Raum der Marbacher Ausstellung. Fotos:DLA Marbach - © DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Anfang Jänner erreicht Robert Falcon Scott den Südpol. Mitte April geht die "Titanic" unter. Drei Tage später herrscht über dem Ruhrgebiet eine nahezu totale Sonnenfinsternis. In Paris kreiert Guerlain ein Parfum mit dem verheißungsvollen Titel "L’Heure bleue", Blaue Stunde. Währenddessen zeigt eine Werbung des Glühbirnenherstellers Osram einen Mond, der weint, ist er doch nicht mehr der einzige, der nun die Nacht erhellt.

Der Tango erobert Europas Städte; und in Buenos Aires, wo dieser Tanz einst aufkam, tut sich ein Sänger namens Carlos Gardel mit einem anderen Musiker zusammen, in den folgenden 15 Jahren wird das Duo Gardel und José Razzano in Südamerika populär und legendär. Der Elsässer Otto Flake schwärmt in einem Paris-Text über Mathematik, "ob sie nun Geometrie im Einzelnen oder schwebende Verteilung, kosmisches System mit Achse und rotierenden Körpern im Ganzen" ist. Es ist das Jahr 1912.

Ein Wunderjahr?


War dieses Jahr ein annus mirabilis, ein Wunderjahr, für die Literatur, wie der lange in Konstanz am Bodensee lehrende Ordinarius für Romanistik, Hans-Robert Jauß, vor 26 Jahren in einem viel beachteten Vortrag annoncierte? Rainer Maria Rilke beginnt die Arbeit an den "Duineser Elegien", Schnitzlers "Professor Bernhardi" wird gedruckt, Heinrich Mann steht kurz vor Abschluss seines Romans "Der Untertan" (der erst 1918 erscheint, nach dem Ende des Weltkriegs und dem Wegfall der Zensur), Gottfried Benn veröffentlicht seinen ersten Band mit Gedichten, die mit ihrer ungerührten Sprache und ihren Leichenhallenmotiven die größtenteils an der Neoromantik geschulte Leserschaft vor den Kopf stoßen ("Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. / Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster / zwischen die Zähne geklemmt. / Als ich von der Brust aus / unter der Haut / mit einem langen Messer / Zunge und Gaumen herausschnitt, / muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt / in das nebenliegende Gehirn"). Franz Kafka fängt seinen Roman "Amerika" an, schreibt am 20. September seinen ersten, distanzierten und doch zugleich kunstvoll Nähe aufbauenden Brief - auf der Schreibmaschine während der Bürozeiten in der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt getippt -, an Felice Bauer, seine spätere Verlobte und Entlobte, im selben Jahr bringt er die Erzählung "Die Verwandlung" zu Papier. Gerhart Hauptmann erhält den Nobelpreis für Literatur.

Der französische Künstler Marcel Duchamp erhält bei seinem Sommeraufenthalt in München entscheidende Anstöße für einige seiner wichtigsten Arbeiten. Robert Delaunay treibt mit Verve seine Serie über den von ihm in farbige Scheiben und Zonen zerlegten Eiffelturm voran. Guillaume Apollinaire besingt in seinem Gedicht "Zone" das Jetzt: "Du liest Prospekte Kataloge Affichen die singen mit kräftigen Lungen / Das ist Dir Deine Dichtung heut Morgen und als Prosa hast Du Zeitungen". Und der mit dem Poeten und Kunstkritiker Apollinaire befreundete Pablo Picasso klebt in eines seiner Bilder erstmals eine aus einer Zeitung ausgeschnittene Schlagwortzeile.

Die Futuristen sorgen für Aufsehen, der Italiener Filippo Tommaso Marinetti mit seinen trommelnden Lobgesängen auf moderne Technik und das Automobil, der Maler Umberto Boccioni mit programmatisch die Zukunft auspendelnden Texten. Der Hamburger Kunstwissenschafter Aby Warburg prägt den Begriff "Pathosformel" und umreißt das Konzept einer universellen Gültigkeit von Bildmotiven. Der Russe Vaclav Nijinsky erschüttert am 29. Mai mit seiner achtminütigen, erratischen, eckig maschinenhaften, vom Alten Ägypten inspirierten Interpretation von "Der Nachmittag eines Fauns" die Tanzwelt in ihren Grundfesten, fünf Monate später wird in Stuttgart "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal uraufgeführt, wo Molière-Figuren mit antikisierenden Gegenspielern zusammengeführt werden. Als erster Band der bis heute existierenden Insel-Bibliothek erscheint Rainer Maria Rilkes "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke". Geschrieben hatte der Prager diesen Text bereits 1899; er wird vom Verlag in ein recht unzeitgemäßes Gewand gekleidet. Die Reihe greift in ihrer Gestaltung stark auf den bereits verblassten Jugendstil zurück. Anfang des Jahres ertrinkt in Berlin 25-jährig der expressionistische Poet Georg Heym beim Schlittschuhlaufen auf der Havel - Günter Grass widmet 1999 in "Mein Jahrhundert" diesem Ereignis den Eintrag "1912".

Heym, der den Moloch Großstadt besang, erlebte noch, dass die großen Städte immer lauter wurden - auch und vor allem durch zunehmende Mobilität. In Hamburg wird am 15. Februar die Hochbahn feierlich eingeweiht, die zweite in Deutschland. Und in Wien veröffentlicht Michael Freiherr von Pidoll seine Schrift "Der heutige Automobilismus"; der Untertitel verkündet, dass es sich dabei um einen "Protest und Weckruf" handelt. Woher, so fragt Pidoll, "nimmt der Automobilist das Recht, die Straße, wie er sich rühmt, zu beherrschen, die doch keineswegs ihm, sondern der gesamten Bevölkerung gehört . . .?"