Nachrichtenwert: "Could anyone be more like me" von William Kentridge, 2008.
Nachrichtenwert: "Could anyone be more like me" von William Kentridge, 2008.

Was wichtig ist, steht in der Zeitung: Medien beanspruchen für sich, die richtige Auswahl getroffen zu haben - und die "Wirklichkeit" abzubilden. Von der "Wahrheit zum Zeitpunkt des Andrucks" spricht der Chefredakteur des Boulevard-Blatts "Bild". Was man als Leser alles als "wichtig" und "wirklich" hinnimmt, das einem Medien präsentieren, zeigt zurzeit die Ausstellung "Art and Press" im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Gezeigt werden Werke von 56 Künstlern, von Gerhard Richter ebenso wie Andy Warhol, Joseph Beuys, Erwin Wurm, Anselm Kiefer und Ai Weiwei. Manche der Arbeiten wurden eigens für die Ausstellung geschaffen. Als Besucher kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass zusammengetragen wurde, was man bekommen konnte. Bestückt sind 30 Räume mit Titeln wie "Die Unwirtlichkeit der Bilder", "Reflex und Reflektion" oder "Wo die Lüge der Kunst zur Wahrheit wird". Wenn man sich aber durch die Ausstellung arbeitet, bekommt man einige Highlights zu sehen.

Unerfüllbare Wünsche

Dazu zählen natürlich Warhols "Ambulance Disaster" und "Five Deaths" aus dem Jahr 1963 sowie "Little Race Riot" von 1964. Via Siebdruck brachte Warhol Bilder auf Leinwand, die er aus Zeitungen hatte. Wahrhol vervielfältigte die Bilder von den Unfällen genauso, wie er es mit den Bildern von Ikonen wie Marilyn Monroe oder Elvis Presley tat. Wenn man das vergrößerte Bild des Autounfalls betrachtet, zeigt sich das Schreckliche als Konsumprodukt, wie eine Dose Tomatensuppe.

Fast fünfzig Jahre später nützte auch Farhad Moshiris Pressefotos für sein Werk, allerdings mit einem völlig anderen Zugang. In Moshiris "Kiosk der Curiosité" sind 500 handgeknüpfte Teppiche aus Wolle und Seide ausgestellt, die Titelbilder von Zeitschriften und Illustrierten zeigen. Sieht aus wie Fotos. In die Teppiche hinein sind Kreise und Quadrate gestanzt. Teile der Cover von "Marie Claire", "Ellen", "Gala" oder "Newsweek" sind also nicht lesbar. Moshiri lebt und arbeitet im Iran. Die Teppiche sind Symbole für seine Heimat. Dort wecken Medien zwar Konsum- und Wunschvorstellungen, die aber wegen der politischen und religiösen Verhältnisse nicht verwirklicht werden.

Auch bei Ai Weiwei geht es um Beschränkungen. Der chinesische Künstler, der unter Hausarrest steht, hat für die Ausstellung eine Installation geschickt. Ai Weiwei thematisiert Zensur: Die Stäbe für seine Installation aus Armiereisen stammen aus der Beichuan High School. 2008 wurde sie von einem Erdbeben zerstört, 1000 Schüler starben. Die Gebäude waren mangelhaft konstruiert, doch warum sie nicht den gesetzlichen Sicherheitsstandards entsprochen hatten, blieb der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Medien schwiegen weitgehend.

Mehrere Künstler thematisieren das Einprasseln von stetig "Neuem", "Wahrem" und "Wichtigem". Wer gibt vor, was wichtig ist, und warum? Und was machen wir mit all dem "Neuen" und "Wichtigen"? Der belgische Künstler Denmark hat dafür mit "Newsweek" eines der sogenannten Qualitätsmedien verarbeitet. Denmark arbeitete 1986 sämtliche Ausgaben eines Jahrgangs von "Newsweek" in ein vierteiliges Wandrelief um. Er zerschnitt die einzelnen Magazine, presste sie zu winzig kleinen Stapeln und schichtete sie schön exakt neben- und untereinander, was das altehrwürdige Magazin drollig-lächerlich aussehen lässt - als sollte journalistische Eitelkeit relativiert werden: Vielleicht ist manches doch gar nicht so wichtig.

Rape, Killing, Blaze - Vergewaltigung, Mord, Brand: Gilbert und George machten dutzende Fotos von reißerischen Postern auf Verkaufsständern in London, die auf die sensationellste und brutalste Geschichte des Tages hinweisen. Rot schreit einem das Schlagwort entgegen. Gilbert und George reihten jeweils 28 Poster mit dem gleichen Schlagwort zu einem Bild.

Drastik gehört zum Stadtbild


Die geballte Ladung aggressiver Werbung macht einem bewusst, wie sehr drastische Schlagzeilen zur Gewohnheit geworden sind. Sie gehören zum Stadtbild. Auch in Berlin sind sie ständig zu sehen, man nimmt sie entweder kaum noch wahr oder kauft ein Exemplar, um die Sensationslust zu befriedigen. Hier kennt man marktschreierische Titelseiten unter anderem von der "Bild", Deutschlands auflagenstärkster Zeitung - und Kooperationspartner der Ausstellung. In einer Serie werden den Lesern vier Wochen lang die Werke erläutert: Kunst bedeute, einen anderen Blickwinkel zu ermöglichen, eine neue Sicht auf scheinbar Vertrautes. "Die Botschaften zeitgenössischer Künstler einem Massenpublikum näherzubringen, ist von Beginn an ein Anliegen", sagt Chefredakteur Kai Diekmann. Auch auf die Gefahr hin, dass der Zeitung der eine oder andere Leser abhanden kommen könnte?