Dramatik, versachlicht: "Weiß fast alles" von Nino Malfatt, derzeit zu sehen im Tiroler Landesmuseum. - © TLM
Dramatik, versachlicht: "Weiß fast alles" von Nino Malfatt, derzeit zu sehen im Tiroler Landesmuseum. - © TLM

Diese plötzliche Irritation: draußen der Blick auf die Nordkette, das Weiß auf dem Patscherkofel, darüber nichts als der Himmel. Drinnen im Museum: Berge im gleißenden Licht, Schneefelder über der Waldgrenze, Wolkenschleier, nirgends ein Mensch. Doch kein Rückzug in die Idylle, schon gar keine Panoramen, die für Tourismuswerbung taugen: "Die gemalte Zeit" ist die längst fällige Retrospektive Nino Malfattis im Tiroler Landesmuseum in Innsbruck. Sie zeigt den Weg des Künstlers von seinem Frühwerk, seinen kritischen Reflexionen über die den Alltag bestimmende Technik, über Arbeits- und Konsumwelt, die er in Pattern-Bildern festhielt: präzisen seriellen Kompositionen über Dosenöffner, Kleiderbügel, Schuhleisten und Gläser bis zu seiner Wiederentdeckung von Landschaftsformationen.

Diese führten zu seinem zentralen Thema, das ihn seit mehr als 25 Jahren ausschließlich beschäftigt: Berge, oder besser die Erinnerung an Berge, an monumentale Massive, steile Felsen, auch an kleine, kristalline Steine.

Darf man wieder Berge malen? Nino Malfatti, geboren 1940 in Innsbruck, seit 40 Jahren in Berlin lebend, wo er sehr bald zur Szene gehörte und es 1977 auf die Documenta schaffte, tut es einfach. Genau wie der 20 Jahre jüngere Herbert Brandl, der derzeit im Kunstforum in Wien ausstellt. Anders als Brandl ist Malfatti ein leidenschaftlicher und exzellenter Bergsteiger, was ihm sogar Reinhold Messner attestierte. Ganz altmodisch skizziert, aquarelliert und fotografiert er bei seinen Wanderungen und Extremtouren. Er prägt sich die senkrechten Strukturen, Wölbungen, Erosionen, Felsbrüche, Gesteinsschichtungen, Farben und Formationen ein.

Der schöne Schein


In seinem Berliner Atelier durchwandert er dann nach eigener Aussage malend und zeichnend ein zweites Mal diese Landschaften, zerklüftet die fernen Berge, baut sie aus Trümmern und Splittern wieder auf. "Durch den Filter der Entfernung wird die Unmittelbarkeit und Dramatik der Erlebnisse relativiert und versachlicht. Die Energie und Dynamik der Malerei lassen auf der Leinwand die eigengesetzliche und sinnliche Welt eines Bildes entstehen", schrieb Malfatti über seinen Arbeitsprozess.

Im Gespräch nennt er die Annäherung an das heikle, politisch und kommerziell missbrauchte Thema der Berge "eine Gratwanderung". Sie ist ihm gelungen. Aus Imagination, aus visuellen Erfahrungen, technischem Know-how und einem analytischen Denken, das ihn als Studenten der Meisterklasse von Horst Antes ausweist, hat er seine persönlichen Bildberge geformt. Unpathetisch, ohne falsche Romantik, auch ohne Assoziationen zu Walde. Für den Betrachter werden Nähe und Distanz, Grenzen und Offenheit gleichermaßen spürbar. Bleibt noch anzumerken, dass Malfatti seinen Arbeiten poetische, oft auch ironische Namen gibt. "Starker Freunde Schulterschluss" heißt es da, "Vernagter Tatzelwurm" oder: "Der schöne Schein von der Ruhe im Lande".