Immer wieder nimmt der hagere, alte Mann die Startposition eines Läufers bei Leichtathletikwettkämpfen ein. Fast nackt, nur mit einer Badehose bekleidet, trainiert er den Start und läuft auch einige Meter über eine mit Steinen übersäte, trostlose Betonwüste.

Obwohl das Video "Start" des rumänischen Künstlers Ion Grigorescu ohne Ton läuft, glaubt man die Schmerzensschreie des Mannes hören zu können. Auf jeden Fall spürt man beim Betrachten des Videos unmittelbar den Schmerz.

Diese beeindruckende Arbeit, die wiederholten Starts eines fragilen Mannes, das Anrennen gegen die feindliche Umwelt dieser Betonwüste, verbunden mit der Einsicht, dass es unmöglich ist aus dieser Situation zu entrinnen, kann stellvertretend für die Biografie des Künstlers stehen. Ion Grigorescu wurde 1945 in Bukarest geboren und gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Rumäniens. Er verweist auf Ausstellungen in renommierten Galerien, Museen und Kunsthallen - wie Tate Modern in London, Centre Pompidou in Paris oder Mumok in Wien. Außerdem vertritt er sein Land bei der diesjährigen Biennale in Venedig.

Auf den ersten Blick scheint das wie der erfolgreiche Lebenslauf eines anerkannten Künstlers. Jedoch war Grigorescus Weg ebenso steinig und schmerzhaft wie er es in diesem Video zeigt. Er kam durch seinen konsequent beschrittenen, künstlerischen Weg mit der kommunistischen Diktatur von Nicolae Ceaucescu in Konflikt. Grigorescus skulpturale Arbeiten und Videos widersprachen in ihrer Thematik des schonungslosen Aufzeigens von Zusammenbruch und Zerfall einer Gesellschaft dem von offizieller Seite unterstützten Kunstbegriff, der sich hauptsächlich über Folklore definierte. Das ermüdende Anlaufen des Künstlers gegen diese (Begriffs-)Diktatur brachte ihn Anfang der 1980er-Jahre zum Schweigen. Die Jahre bis zur Revolution verbrachte er im Untergrund, unfähig, ob der erlittenen Demütigungen und Abweisungen, sich künstlerisch zu äußern.

Multimediale Installation

Nach dem Umsturz dauerte es nicht lange, bis seine Arbeiten international entdeckt wurden. Die Kunsthistorikerin Magda Radu bezeichnet ihn als Künstler, der in der dunkelsten Periode Rumäniens seine moralische Integrität bewahrt hat und dessen Schaffen bemerkenswerte Kontinuität aufweist. In der Ausstellung "Horse / Men Market" in der Sammlung Friedrichshof zeigt er vor allem Videos, die in ihrer rauen Bildsprache und ihrem dokumentarischen Ansatz das Konfliktpotenzial nachvollziehbar machen. Ergänzt werden die Filmdokumente mit Skulpturen von Menschen, Hunden und Gerätschaften aus einfachsten Materialen. In der Kombination verdichtet sich die Ausstellung zu einer multimedialen Rauminstallation.

Ausstellung

Horse / Men Market

Sammlung Friedrichshof

2424 Zurndorf

Zu sehen bis 9. Oktober