Die Prinzessinnen Sibylla, Emilia und Sidonia von Sachsen, Lucas Cranach d. Ä. Um 1535, Lindenholz - © Kunsthistorisches Museum, Wien
Die Prinzessinnen Sibylla, Emilia und Sidonia von Sachsen, Lucas Cranach d. Ä. Um 1535, Lindenholz - © Kunsthistorisches Museum, Wien

Es war zu erwarten, dass der Abschied eines international renommierten Porträtforschers mit einer Ausstellung zu seinem Thema nicht anders ausfallen kann als fulminant. Karl Schütz hat denn auch für das Kunsthistorische Museum in "Dürer - Cranach - Holbein. Das deutsche Porträt um 1500" an die 140 Hauptwerke unter den deutschen Bildnissen in zwei Sälen und Kabinetten versammelt. Nahezu alle sind Exponate, die sonst eigentlich nie auf Reise gelassen werden.

Durch die Kooperation mit der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, wohin die Schau im Herbst weiterreisen wird, sind besondere Beispiele für die Porträt-Malerei aus New York, London, Berlin, Frankfurt, Budapest versammelt; eine Gruppe besonderer Zeichnungen aus der Albertina und dem Kupferstich-kabinett der Akademie ist obendrein dabei. Die Liste der Sensationen beginnt mit dem ersten Bildnis des Abendlandes von Rudolf IV., dem Stifter, um 1360, aus dem hiesigen Dommuseum.

Fotografische Nähe zu Menschen aus 500 Jahren

Die Menschen, die uns da aus der Distanz eines halben Jahrtausends anschauen, zeigen sich als selbstbewusste Vertreter einer Gesellschaft, in der sich nicht nur die Adeligen zu verschiedenen Anlässen malen ließen. Die Neuzeit brachte neben dem Frühkapitalismus die vielfältige Auseinandersetzung mit dem Individuum. Das geht bis zur fotografischen Nähe und sogar schonungsloser Hässlichkeit, verfolgt aber vor allem das Kunststück, auch die inneren Regungen einer Person zu erfassen. Augenblickliche Charakteristik lacht uns jedenfalls aus der Federzeichnung einer Bäuerin von Dürer entgegen, die er eine "Vilana Windisch" nach der Gegend in Oberitalien nannte. Diese soziale Schicht durfte auf einem Bild auch keck die Zähne zeigen und mit den Augen blinzeln.

So kommen zum repräsentativen Fürstenporträt in ganzer Figur viele bürgerliche Halbfiguren oder reine Kopfbildnisse, die Humanisten zeigen, Ehepaare, Väter mit ihren Kindern. Beide Geschlechter werden in der Regel mit Anstand wahrender Haube oder Hut im Sonntagsstaat dargestellt.

Ausnahmen bilden Dürers Venezianerin und Lukas Furtenagels Doppelporträt des Kollegen Burgkmair und seiner Frau. Dabei blickt Anna Burgkmair ohne Kopfbedeckung melancholisch aus dem Bild - in der Hand hält sie einen Spiegel, in dem die Köpfe der Ehepartner bereits skelettiert sind. Hier ist das Bild selbst ein Spiegel der vergänglichen Zeit und auch eine durch die Kunst betriebene letzte Auflehnung gegen den Tod.

Erinnerung ist die Triebfeder für viele Kinderbildnisse, die eine eigene Gruppe in der Schau bilden, sowie für Hans Holbeins des Jüngeren genaue Erfassung des Benedikt von Hertenstein 1517 unter einem Kampfrelief - der Sohn eines bekannten Kaufmanns aus Luzern starb schon 1522 als Söldner, das Bild blickt also in seine Zukunft.

Bilder von Menschen am Rand der Verrücktheit

Die Veränderungen in der Porträtauffassung von vor 1500 gehen bei allen drei Protagonisten in die Richtung fast fotografischer Genauigkeit. Mit Hans Holbein dem Jüngeren expandiert die deutsche Porträtkunst an den englischen Hof, wo Holbein nicht nur das bekannteste Porträt Heinrich VIII. schafft. Mit dem eigenartigen runden Mauerausschnitt, in den Dürer Johannes Kleebergers Lebendbüste einschreibt, beginnt dann die Phase des Manierismus. Vor allem aber sieht Schütz den Unterschied zu den Niederländern oder Italienern in einer besonderen Schilderung des Wesens bis an die Ränder zur Verrücktheit.

Auch im Umkreis der Hauptmeister sind Barthel Beham, Hans Baldung Grien, Bernhard Strigel, Jakob Seisenegger und zahlreiche anonyme Maler mit dieser malerischen Vorform des Psychologischen beschäftigt. Von Dürers Vater, seinem Bruder, einem ersten Schwarzen in Europa über Herrscherpersönlichkeiten, Patrizier und ihre Frauen vermittelt diese Epoche ein besonderes Selbstbewusstsein, ein trotziges Auflehnen gegen das Vergessen mit besonderer Lebendigkeit.

Selbst die Druckgrafik und die Medaillenkunst vermag diese Eigenart deutscher Porträts zu vermitteln - über das hinaus, was bereits aus der Antike an Ähnlichkeitserfassung bekannt war. Ein Unterschied, den die Wissenschaft so genau noch nicht erarbeitet hat.

Ausstellung

Dürer-Cranach-Holbein
Das deutsche Porträt um 1500

Karl Schütz (Kurator)

Kunsthistorisches Museum

Zu sehen bis 4. September