Bach Ma aus Hans-Christian Schinks Vietnam-Serie. Foto: Schink
Bach Ma aus Hans-Christian Schinks Vietnam-Serie. Foto: Schink

Meistens gilt ja der Prophet im eigenen Lande wenig. Dass der Fotograf Hans-Christian Schink zu den ganz Großen der Szene gehört, wird wohl dem einen oder anderen Kunstfreund in Thüringen erst nach dem Besuch der beiden aktuellen Ausstellungen klargeworden sein.

Im Erfurter Anger-Museum, vor allem aber im Neuen Museum in Weimar wird heuer erstmals ein umfassender Überblick von Schinks Fotoserien aus den letzten 30 Jahren präsentiert. Der 1961 in Erfurt geborene Künstler, dessen Fotos auch schon in Ausstellungen in Salzburg zu sehen waren, hat 1986 bis 1991 an der renommierten Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert, die nicht erst seit dem Aufstieg des Malers Neo Rauch und der Neuen Leipziger Schule international Furore gemacht hat.

Malerische Sichtweise

Schink hat freilich längst seinen eigenen Weg gefunden und ist von seinen Leipziger Wurzeln ebenso geprägt bzw. ebenso weit entfernt wie von der einflussreichen Schule des Fotografen-Ehepaares Becher. Schink gehört zu einer Generation von deutschen Künstlern, bei der die Herkunft aus dem Osten oder Westen Deutschlands nicht mehr auszumachen ist. Mit seinen Themen, die formale Details im Großformat in das Licht einer anderen Wahrnehmung rücken, bis hin zu seinen faszinierenden Waldszenen, sind die Korrespondenz und Augenhöhe zum Werk eines Peter Struth nicht zu übersehen.

Im Neuen Museum Weimar offenbaren die großzügig gehängten Werkgruppen interessante Einblicke in die gestische Annäherung an eine geradezu malerische Sichtweise. Hier finden sich die frühen Stadtansichten aus der Umgebung Leipzigs und die seriellen Porträts von Einfamilienhäusern ebenso wie die fast wie Rothko-Adaptionen wirkenden farbigen Garagentore oder die gespenstischen U-Bahnhöfe in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Seine in Los Angeles aufgenommenen Nachtbilder ("LA Night") fallen da aus dem Rahmen. Durch die Verwendung von Tageslichtfilmen für Nachtaufnahmen nimmt Schink bewusst eine Fehlfarbigkeit in Kauf, die ein impressionistisches Farbenspiel erzeugt. Das ist ein Kontrapunkt zur sonst dominierenden Atmosphäre der ruhigen Klarheit.

In seiner großen zwischen 1995 bis 2003 entstandenen Bildfolge "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" verbindet Schink auf subtile Weise eine Bestandsaufnahme der Dinge mit der Faszination einer hochästhetischen Sichtweise. Damit wird er zum Chronisten einer Veränderung der sichtbaren Realität im wiedervereinigten Deutschland. Und das jenseits der bewegenden Bilder protestierender, jubelnder oder frustrierter Menschen oder der Dokumentation von sozialen Verhältnissen. Hier werden die in die Landschaft geschnittenen Autobahnen oder Eisenbahnbrücken zu Skulpturen.

Beton und Schwan

Dabei verbindet sein Blick den Preis, den die Natur für dieses Menschenwerk bezahlt, mit einer artifiziellen Faszination, die der kühn aufragende Beton oder die weiten Bögen eben auch haben. Es sind durchweg ruhige Bilder - sie nehmen der Realität den Lärm und fügen ihr eine Dimension des Unberührten hinzu.

Auch Menschen kommen auf diesen Fotos nur ganz selten und eher zufällig vor. Meist konzentriert sich Schink auf die Dinge an sich. Sein Objektiv vermag es dafür meisterhaft die Poesie der Brückenpfeiler einzufangen. Wenn die sich im Hochwasser spiegeln und ein einsamer Schwan seine Bahn zieht, dann bekommt das Ganze gar eine romantische Dimension.

Schink bleibt scheinbar neutral, lässt aber die Dinge für sich sprechen. Seine sogenannten "1h"-Bilder aus den Jahren 2005 bis 2010 wurden mit "REAL Photography Award" dekoriert. Sie entstehen durch die Solarisation - eine einstündige Belichtung lässt die Sonne dabei wie einen schwarzen Stab in archaischen Landschaften schweben. Damit werden diese Fotos nicht nur zu einer Fortsetzung von Landschaftsmalerei. Sie geben, wie durch einen geheimnisvollen Riss in der Landschaft, den Blick auf eine andere Realität frei, die sich so nur die Fotografie authentisch zu erschließen vermag.

Ausstellung

Hans-Christian Schink

Fotografien 1980 bis 2010

Neues Museum Weimar

Zu sehen bis 13. Juni

Eine Stunde

Angermuseum Erfurt

Zu sehen bis 5. Juni

www.klassik-stiftung.de/schink