- © Yantra - Fotolia
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(cai) Kunst oder Leben? Nein, nicht oder. Und! Kunst und Schmerz! Der van Gogh hat sich ein Ohrlapperl abgeschnitten, und Roberta Lima steckt halt in ihrem Kleid fest wie in der Eisernen Jungfrau. Ein Piercer hat es ihr nämlich am Fleisch festgesteckt. Gleich drei Mal kleidet sie sich vor Publikum in ihr Leid. Beziehungsweise leidet sie sich tapfer in ihr Kleid hinein. Und befreit sich am Ende wieder daraus. ("In Brasilien hab ich mich als Freak gefühlt. Hier in Wien hab ich gemerkt: Ich bin eine Feministin.") Ist das Kunst oder krank? Beides.

Die Ausstellung "Aesthetics of Risk" (curated by_Felicitas Thun-Hohenstein) macht aus der Galerie Charim trotzdem kein billiges Gruselkabinett. Wieso geht eigentlich ein Piercing als Diplomarbeit durch, sich also Haken durch die Knie zu bohren und sich damit an ein Trapez zu hängen? Ein krasser Initiationsritus. (Ein Martyrium. Und das ist immerhin die Matura der Heiligen.) Und "Rebirth" ist kein feministischer Zombiefilm, obwohl da ein Choreograf die unverwüstliche "Roberta dolorosa" verbissen auf den feuchten Beton wirft (stirb endlich! - symbolisch) und sie danach willensstark ihrem "Grab" entsteigt. Interessanterweise gibt’s meist ein Happy End. Sogar wenn sie die Flex einschaltet. Schneidet sie sich doch nicht die Fußnägel und hat dann Schuhgröße 33? Nein. Sie verwundet die Wand. Soll man nun erleichtert sein oder enttäuscht? Den Vernissagegästen in der Galerie Charim haben sicher auch schon die Daumen gezuckt, um 144 zu wählen, als sie das Skalpell erblickt haben. Oh, wie müssen sie sich betrogen gefühlt haben, als die Roberta nur einen Wachskokon aufgeschlitzt hat. (Die drei blutigen Kleider, siehe oben, hatten sich verpuppt.) Diese Kunst ist erschreckend, beeindruckend, grauslich, außergewöhnlich, echt.

Sie macht ein Mascherl in den Schmerz: Roberta Lima, "The Rings". - © Galerie Charim/Roberta Lima
Sie macht ein Mascherl in den Schmerz: Roberta Lima, "The Rings". - © Galerie Charim/Roberta Lima

Charim Galerie Wien
(Dorotheergasse 12)
"Aesthetics of Risk"
Bis 25. Oktober
Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 14 Uhr

Das Weiße
vom Marmor

(cai) Wer über das seltene Talent verfügt, 22 Minuten stillsitzen zu können, im Keller der Galerie Feichtner wäre es nicht vergeudet. Die verstörend amüsante Doku von Aleksandra Domanovic sollte man sich unbedingt anschauen. "Turbo Sculpture" handelt von einer bedenklichen Mode auf dem Balkan: Filmhelden Denkmäler zu errichten. Dem Veilchenpflücker Rocky oder Tarzan, dem Urschreitherapeuten im Lendenschurz. Der Balkan hat eine Identitätskrise.

Witzig: Die Statue von George W. Bush in Albanien trägt eine Armbanduhr. Und dem US-Präsidenten soll ja seine beim Bad in der albanischen Gastfreundschaft geklaut worden sein. (Stell dir vor, es ist Zeit, und keiner schaut auf die Uhr. Nur ein Albaner.) Zuerst hab ich alles für eine geniale Satire gehalten. Denn seit ich auf das Buch "Warum Katzen malen" reingefallen bin, hab ich ein Problem mit dem Urvertrauen. Obwohl: Vielleicht sind Katzen, die ein Sofa zerkratzen, ja echt lauter Lucio Fontanas. Der Rest der Schau über das Phänomen Monument ist eher lau. Timothy Hulls Zeichnungen von antiken Restln sind das Blaue vom Kuli, doch nicht das Weiße vom Marmor. Shahryar Nashats unbequeme Posiervorrichtung (eine Steinbank) hätt’ ich aber gern ausprobiert. Ob man von der Kopfstütze Migräne kriegt. Schön poetisch ist der Ausstellungstitel, den die Kuratoren (Martha Kirszenbaum, David Harper) gewählt haben: "The Petrified River." Der versteinerte Fluss. Als wäre der Aufmacher der Zeitschrift "Fossilien": "Versteinerte Saurierblähung gefunden."

Lukas Feichtner Galerie
(Seilerstätte 19)
"The Petrified River"
Bis 25. Oktober
Di. - Fr.: 10 - 18 Uhr
Sa.: 10 - 16 Uhr