In der Nacht gelten andere Regeln: Ernst Ludwig Kirchner "Straße mit Passanten bei Nachtbeleuchtung", 1926/27. - © Mus. Frieder-Burda
In der Nacht gelten andere Regeln: Ernst Ludwig Kirchner "Straße mit Passanten bei Nachtbeleuchtung", 1926/27. - © Mus. Frieder-Burda

Die Welt nach Anbruch der Dunkelheit, die Kehrseite des Tages, das Leben zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen - die Nacht. Im Volksglauben gilt sie von jeher als Zeit der Dämonen, Hexen, Geister. Von Mitternacht bis zum ersten Glockenschlag treiben die Wesen der Finsternis ihr Unwesen. In der Nacht gelten andere Regeln als im Licht des Tages. Sie ist Schauplatz des Schlafes, der Träume, der Stille aber auch des Verbrechens, der Sexualität und des feierlichen Exzesses.

Die Nacht als Thema der Kunst schafft zahlreiche Assoziationen. Das zeigt nun eine mit nahezu 300 Werken bestückte Ausstellung im Unteren Belvedere und der Orangerie. "Die Nacht im Zwielicht" titelt sie und umfasst den Zeitraum vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis heute. Ausgangspunkt ist die Epoche der Romantik, in der die Nacht zu einem wichtigen Motiv avancierte. In ihr sahen Künstler die neu entdeckte Transzendenz widergespiegelt sowie alles Mystische und Magische überhaupt.

Nachtlandschaften


Stimmungsvoll, im reinsten Sinne des Wortes romantisch in diesem Zusammenhang etwa Caspar David Friedrichs "Abendlicher Wolkenhimmel", ein kleinformatiges Gemälde von bestechend abstrakter Qualität.

Neben solch erhabenen Nachtlandschaften war dieses Zeitalter zudem reich an Bilderzeugnissen, die dem Dunklen, Visionären und Alptraumhaften Gestalt verliehen, wie sich etwa anhand der Werke von Johann Heinrich Füssli zeigt. Dekaden später griffen die Symbolisten auf Themen wie das Unheimliche zurück. Dieses ist auch bestens illustriert durch die Werke von Künstlern des Surrealismus, die das Unbewusste zum Vorschein brachten.

Anders als es die im Ausstellungstitel erwähnte Zeitspanne vielleicht suggeriert, handelt das Kuratorenteam - Brigitte Borchhardt-Birnbaumer (bekannt auch für ihre Kritiken in der "Wiener Zeitung") und Harald Kreijci - das Thema nicht chronologisch ab. "Die Nacht im Zwielicht" konfrontiert unterschiedlichen thematischen Ansätzen folgend Exponate aus sämtlichen Epochen miteinander. Das verlangt dem Betrachter mitunter zwar einige formalästhetische Grätschakte ab, unterstützt aber eben den an Assoziationen reichen Zugang. So wähnt sich etwa im Kapitel "Erhabene Landschaften" besagtes Werk von Caspar David Friedrich in Nachbarschaft zu einer Fotografie von Ernst Haas aus den 1960ern, die einen Vulkanausbruch zeigt. Naturalistische und impressionistische Gemälde treffen hier wie in anderen Unterkapiteln der Schau auf zeitgenössische Malerei, Objektkunst und Fotografie.

Auch nächtliche Tätigkeiten wie das Flanieren und Studieren etwa haben zahlreiche Künstler festgehalten. Beispielhaft für Letzteres ist etwa das Gemälde "Die Schule der Gelehrten" von Paul Delvaux (1958) - ein vieldeutiges Bild, das ein weibliches Aktmodell im Kreise einiger Gehirnforscher zeigt. Die Nacht wird aber auch zum Tag für all jene, die ihren Lebensunterhalt in dieser Zeit verdienen: Prostituierte ebenso wie Fabrik- und Minenarbeiter. Die Schau gibt deshalb auch Einblick in "Natürliche und künstliche Unterwelten", führt in Bergwerke ebenso wie in die Kerker eines Giovanni Battista Piranesi. Selbst das Kino wird in diesem Abschnitt der Ausstellung zur Metapher der Nacht wie etwa die Malereien von Erhard Stöbe und Vicken Parsons verdeutlichen.

Die Nacht als Spiegel seelischer Zustände gewinnt mit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Aber auch als Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen rücken sie Kunstschaffende wie etwa Kiki Kogelnik und Robert Indiana ins Bild.

In den zahlreichen Exponaten zeitgenössischer Künstler zeigt sich auch der Wandel von der Nacht als Bildmotiv hin zur Dunkelheit als Material, mit dem vor allem die Fotokunst operiert. Einen schönen Verweis darauf bildet etwa die achtteilige Serie "Heimspiel" von Jürgen Klauke, aber auch die Skulptur "Game Bird Group" von Mark Dion. Dagegen bringt Brigitte Kowanz’ Neon-Objekt etwas zur Darstellung, das die Nacht von jeher auch begleitet: das Licht in ihr.

Bildende Kunst

Die Nacht im Zwielicht. Kunst von der Romantik bis heute

Brigitte Borchardt-Birbaumer und Harald Kreijci (Kuratoren)

Belvedere

Bis 17. Februar 2013