Wer sein Hirn liebt, der schiebt

"The Problem of Sisyphus" (Jan Fabre). Schildkröten geben Hirn Starthilfe. - © MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna
"The Problem of Sisyphus" (Jan Fabre). Schildkröten geben Hirn Starthilfe. - © MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

(cai) Drei Schildkröten rackern sich ab, um ein riesiges, nein: größenwahnsinniges, menschliches Hirn anzuschieben, dem offenbar der Motor (der IQ) verreckt ist. Die allegorische Darstellung eines Blondinenwitzes? (Wie viele Blondinen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?) Oder ein Nobelpreisträgerwitz? (Wie viele Einsteins sind nötig, um dieses Opus als allegorische Darstellung eines Blondinenwitzes zu interpretieren?) Der Realismus dieser Skulptur von Jan Fabre aus Carraramarmor ist jedenfalls noch drastischer als jener der Laokoon-Gruppe. Den Schildkröten, die mit dem Monsterhirn kämpfen, hängt ja immerhin die Zunge raus.
Titel: "The Problem of Sisyphus." (Und Glühbirnen waren sicher nicht sein Problem.) Heißt das: Denken ist eine sinnlose Anstrengung? (Galerist Mario Mauroner hat sich für seinen Beitrag zum "Curated by_"-Projekt übrigens Lóránd Hegyi als Kurator geholt.) Ähm, lacht diese Schildkröte dort? (Die mit dem Megahirn als Panzer.) Garantiert, weil der Philosoph Zenon logisch bewiesen hat: Keiner kann sie überholen, wenn sie einen kleinen Vorsprung kriegt. (Der Trick ist aber nicht, ihre Niederlage rhetorisch als Sieg zu beschönigen: "Die Schildkröte errang den ausgezeichneten zweiten Platz, Usain Bolt kam als Vorletzter ins Ziel.") He, wie haben die "Zeno Brains", die mit Größe, Detail- und Anspielungsreichtum imponieren, überhaupt entstehen können? Der Fabre hat wohl naive Steinbildhauer beauftragt, die nicht gewusst haben, dass ihr Meißel nie den Marmor würde berühren können. Sonst hätten sie es ja gar nicht erst probiert. Weil zuerst muss der Meißel die Hälfte des Weges zurücklegen, dann die Hälfte der restlichen Hälfte, dann die Hälfte der halben Hälfte - und sooo kommt er bestimmt nie an. Tja, Denken macht dumm.

Mario Mauroner Contemporary Art
(Weihburggasse 26)
Jan Fabre
bis 10. November
Di. - Fr.: 11 - 19 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr

Unter dem grauen Regenbogen

(cai) Sein Nachname ist sehr rot. Rot wie die Kettensäge, nach der das "Texas Chainsaw Massacre" benannt ist. Aber er macht ihm keine Ehre. Tom Fleischhauers Bilder sind nämlich grau wie sieben Tage Regenwetter. Und trotzdem scheint bei ihm dauernd die Sonne. Na ja, erstens malt er den "grauen Alltag" (Menschen, die ihr anonymstes Gesicht aufsetzen und damit die Straße überqueren oder auf Freitreppen herumlungern), und zweitens ist Grau die Primärfarbe der Stadtplanung und der Asphalt färbt vielleicht auf die Fußgänger ab.
Weil Städter, das sind Leute, die unter einem grauen Regenbogen leben und auf den Schmetterlingseffekt warten. (Dass der Flügelschlag eines bunten Schmetterlings aus dem Regenwald bei ihnen einen Wirbelsturm auslöst, der sie endlich nach Disneyworld verbläst.) Der Künstler ist 2011 verstorben (wieder einer, den es viel zu jung erwischt hat, mit grad einmal 57), doch seine impressionistischen Bilder sind ungemein lebendig. Es flackert das Licht, es fallen die Schatten. Und manches löst sich gar in "Pinselbussis" auf. Da busselt der Pinsel die Leinwand regelrecht ab. Nicht zart wie bei den Pointillisten. Mit dicken Schmatzern. (Das ist aber vermutlich keine Hommage an die Bussi-Bussi-Gesellschaft.) Fleischhauer hat übrigens die graue Blume gefunden. Ein ganzes Feld davon. ("Am Tulpenfeld.") Seine blaue Periode hebt sich die Galerie Frey noch auf. Diesmal muss man sich mit der grauen begnügen, in die ab und zu ein schüchterner Hauch von Farbe eingesickert ist.

Galerie Frey
(Gluckgasse 3)
Tom Fleischhauer: "Ortswechsel"
Bis 16. November
Mo. - Fr.: 11 - 18.30 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr