• vom 13.11.2012, 17:06 Uhr

Kunst

Update: 13.11.2012, 17:24 Uhr

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Die Trägheit der Wärme




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Die Wärme bleibt sitzen. Auf dem eiskalten "Ice Chair" vom Stephan Reusse.

Die Wärme bleibt sitzen. Auf dem eiskalten "Ice Chair" vom Stephan Reusse.© Stephan Reusse Die Wärme bleibt sitzen. Auf dem eiskalten "Ice Chair" vom Stephan Reusse.© Stephan Reusse

(cai) Ein Zauberer kann aus dem Hut nur das Kaninchen hervorziehen, das er vorher darin versteckt hat. Und wenn eine Giraffe rauskommt, war eben eine Giraffe drin. Ähm, aber die kriegt man doch nie dort rein! Na ja, vermutlich hat der Stephan Reusse sie deshalb lieber in ein Foto gesteckt. In ein lebensgroßes. Ach, und dann hat er das so klein zusammengefaltet, bis es in den Hut hineingepasst hat?


I wo. Mit einer Chemikalie hat er das Viech auf dem Fotopapier ausgelöscht, um es dann vor einem verblüfften Publikum aus der weißen Fläche wieder hervorzukehren. Mit seinem magischen Besen. Okay, den hat er ins Gegenmittel getunkt: Urin. (Heizt man damit nicht auch den Pool?) Das Video dieser historischen Aktion (1986 war ja im vorigen Jahrtausend!) läuft im Keller der Galerie Feichtner, wo auch die "Pissflowers" blühen. Ungemein malerische, spritzige Blumenfotos, die sich derselben Bewässerungstechnik verdanken. (Quasi Aquarelle. Oder "Urinelle".) Künstler haben halt ein sehr intimes Verhältnis zu ihrem Werk. Und im Parterre zeigen mit der Wärmekamera aufgenommene Beweisfotos, wie Reusse mit seinem Hintern zur Erderwärmung beiträgt: Er setzt sich einfach hin. (Und der Mensch ist ein Heizkörper.) Oder eigentlich heizt er Stühle auf. Da sieht man, wie lang die Dinge sich an uns erinnern, wenn wir nimmer da sind. Minuten, nachdem sich das Sitzfleisch erhoben hat, geistert die Körperwärme noch auf dem Sessel rum. Reusse benutzt Stuhlbeine sogar zum Zeichnen. Schleift sie über den Boden. Flüchtige Kritzeleien aus Reibungswärme. Diese tabulosen Experimente machen die Welt sichtbarer, als sie ist.


© Yantra - Fotolia © Yantra - Fotolia

Zuerst hat man vielleicht ungläubige Tomaten auf den Augen, doch dann kommt man aus dem Schauen nicht mehr heraus.

Lukas Feichtner Galerie
(Seilerstätte 19)
Stephan Reusse, bis 27. November
Di. - Fr.: 10 - 18 Uhr
Sa.: 10 - 16 Uhr

Die letzte Sehenswürdigkeit

(cai) Es ist die typische Touristenkrankheit. Reisen? Ja, auch. Aber ich mein’ diese Zwangsstörung: das Fotografieren. Daheim hat man nachher einen Haufen schlechter Fotos, die sich kein Schwein je anschauen wird. Der H. H. Capor war bereits so verzweifelt, dass er es mit einer Radikalkur probiert hat: "He, ma könnt ja um die Welt fahren und sich nix anschauen." Also hat er sich in 24 Städten im Hotel eingeigelt.

In Acapulco hat sogar ein Wachhund aufgepasst, dass er nicht schummelt. (Der lästige Köter hörte auf den Namen Bandscheibenvorfall.) Versäumt hat er eh nix. In Kairo hat er durchs Fenster direkt auf die Pyramiden geblickt und in Astana (wo? - "Astana! Die neue Hauptstadt von Kasachstan!" - A so, dort) "hab i auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel schon alles g’sehn". Und die Fotos (apropos "alles auf einmal"), die seine Assistenten derweil draußen gemacht haben, hat er wie in einer Mehrfachbelichtung alle addiert.

Hm. Warum hat er nicht einfach seine Kamera beim Klo runtergespült? Weil er dann die letzte ihm verbliebene Sehenswürdigkeit nicht ablichten hätte können: sich selbst. Wie er mit dem Safe spielt (glaubt er, das ist der Mikrowellenherd?) oder ein Hemd und die Zeit totbügelt. Oh, das ist keine Weltreise, das ist ein Egotrip! (Wenn auf den Selbstauslöser zu drücken eine Form der Selbstbefriedigung ist, ist Selbstironie dann übertriebene Eitelkeit?) Schön böse. Und die farbmagischen Reisefotos von Ingrid Fankhauser? In der Nacht sind vielleicht alle Elefanten grau, die Städte sind bunt wie das Reich vom Zauberer von Oz Vegas.

Golub Art Space
(Breite Gasse 19)
"TierraVirgen"
Bis 22. November
Mo. - Sa.: 16 - 20 Uhr




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Galerien, Kunst

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-11-13 17:11:05
Letzte Änderung am 2012-11-13 17:24:05


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