Rare Exponate aus dem MAK-Fundus: Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus Klimts Entwurf "Ritter" für den Mosaikfries. - © MAK/Mayer
Rare Exponate aus dem MAK-Fundus: Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus Klimts Entwurf "Ritter" für den Mosaikfries. - © MAK/Mayer

Lange wurde vom Wiener Publikum geklagt, es wären doch nur wenige Exponate aus den reichen Depots des Museums für angewandte Kunst (MAK) sichtbar, nun kehren sie in großer Anzahl zurück, die Möbel, Vasen, Plakate, Teppiche, Wandschirme, Taschen und Bestecke aus der Zeit um 1900. Drei Räume werden temporär üppig bespielt vom altbekannten Spezialisten Christian Witt-Döring, der nach jahrelanger Karenz nun ans Haus zurückkehrt.

Die vormals künstlerische Intervention der Ära Noever von Heimo Zobernig zum Schwerpunkt 1900 wurde für diese neuen kuratorischen Inhalte geopfert, auch die Architekturmodelle im Saal an der Gartenseite sind verschwunden, aber die vermissen wohl nur wenige Architekten.

Seltene Exponate


Dafür kommt im mittleren Hauptsaal des linken Hausflügels im ersten Stock neben der an die Eingangswand verpflanzten Großvitrine mit dem Entwurf Gustav Klimts für den Stoclet-Fries auch selten Sichtbares wie Carl Otto Czeschkas "Kostümskizze für Tristan" für die Oper "Tristan und Isolde" von Richard Wagner zum Zuge. Auch ein Metallschmuckbild aus der Beethovenausstellung der Secession 1902 von Friedrich König, "Der gefesselte Prometheus", aus getriebenem Kupfer oder der von Czeschka und Josef Hoffmann gefertigte dekorative Wandschirm für Karl Wittgenstein reihen sich an die radikal modernen Möbel von Otto Wagner oder Adolf Loos.

Witt-Döring beginnt mit dem Weg aus dem Historismus, der Secession der jungen Avantgarde aus dem Künstlerhaus und konfrontiert internationale Beispiele aus Frankreich oder England. Die weitere Spaltung nach Ende der Secession in eine radikale Gruppe um Loos und eine gemäßigte, die mit Hilfe der Wiener Werkstätte einen typischen Wiener Stil hervorbrachte, setzt mit Dagobert Reche oder Eduard Josef Wimmer-Wisgrill fort.

Der Wiener Jugendstil mischt hohe Kunst und Kunstgewerbe, gibt sich aber bis zur Zäsur mit 1914 und dem Ersten Weltkrieg auch dekorativ verspielt und an die Anforderungen der Käufer angepasst. In der Zwischenkriegszeit setzt sich der puristisch gegen verspielt auftretende Richtungsstreit mit Protagonisten wie Oskar Strnad, Josef Frank, Friedrich Kiesler, Ernst Schwadron oder Franz Hagenauer fort.

Kunst ohne Namen


Witt vergisst nicht auf die hohe Anzahl an Künstlerinnen, die wie Gudrun Baudisch, Gisela von Falke und Jutta Sika, schon in der Wiener Werkstätte auftraten. Dazu verstärkt er internationale Positionen wie Margaret Macdonald Mackintosh durch Architektin Margarete Schütte-Lihotzky.

Ihr Wohnschlafzimmer Neubacher ist wie ihre Frankfurter Küche heute so prominent wie das Herrenzimmer Turnowsky von Loos oder so manches bekannte Möbel von Hoffmann. Letzterer änderte ja bis nach 1945 seinen Stil mehrmals nach Anforderungen der Zeit, ob ihn dabei soziales Geschick oder künstlerische Flexibilität lenkten, ist nicht die Frage dieser ästhetisch-didaktischen musealen Präsentation.

Mit dem Architekten Michael Embacher hat der Kurator seine Präsentation auf schlichten wie schwebend anmutenden Podesten und einer eingehängten Schiene für Zeitangaben konzipiert - sie ist nicht künstlerisch, auch nicht revolutionär wie etwa Museumsaufstellungen der 1960er Jahre, aber der Anspruch ist ja auf die Sammlung und ihre Exponate fokussiert. Eine künstlerische Intervention "darüber hinaus" gibt es im darüber gelegenen Gegenwartsraum. Die aus Los Angeles stammende Konzeptkünstlerin Pae White hat aus dem Depot viele namenlose Objekte wie Tapeten, Beschläge oder Spielzeug gefischt; ihre eigenen Werke als Intervention folgen später. Die Auffassung einer Kunstgeschichte ohne Namen ist so alt wie das Museum selbst. So hätte auch Alois Riegl mit den japanischen Färberschablonen (Katagami) die Rolle des Kunstgewerbes um 1900 betonen können.