Von außen betrachtet mag es erstaunen, mit welcher Vehemenz in Deutschland seit der Wiedervereinigung über DDR-Malerei gestritten wird. Die einen kämpfen immer noch gegen ein längst untergegangenes System, das Kunst stets ernst nahm und die Künstler mit allen Mitteln - von Überredung bis Repression - zu instrumentalisieren versuchte.

Kunst als Drahtseilakt zwischen staatlich verordneten Normen und dem Versuch der Individualisierung: "Die Aura der Schmelzer" (1988) von Eberhard Heiland. - © Klassik Stiftung Weimar
Kunst als Drahtseilakt zwischen staatlich verordneten Normen und dem Versuch der Individualisierung: "Die Aura der Schmelzer" (1988) von Eberhard Heiland. - © Klassik Stiftung Weimar

Doch was entstanden ist und als ein abgeschlossenes Kapitel der Kunstgeschichte vorliegt, hat überzeugendere Anwälte als das dazugehörige System. Was wohl auch an der künstlerischen Qualität dieser "Erbstücke" liegt. Über ein Dutzend Versuche, mit Ausstellungen einer so komplexen Gemengelage wie "Kunst und Gesellschaft" beizukommen, gab es schon.

In Weimar ist "Abschied von Ikarus. Bildwelten der DDR neu gesehen" heuer der zweite Großversuch. Den ersten gab es zum Kulturhauptstadtjahr 1999 unter dem Titel "Aufstieg und Fall der Moderne". Heute gilt es als Sündenfall, wie damals die Werke der DDR-Maler in einer Karikatur diffamiert und obendrein in einem Teil des ehemaligen Nazi-Gauforums in räumlicher Tuchfühlung mit Bildern aus Hitlers Sammlung sozusagen als kultureller Sondermüll präsentiert wurden.

Die maßgeblich von Eckhart Gillen und Klaus-Siegbert Rehberg kuratierte aktuelle Weimarer Schau, die von Ausstellungen in Erfurt und Gera ergänzt wird, ist das genaue Gegenteil und eine erste Zwischenbilanz eines großangelegten Projektes.

Natürlich ist auch diese Ausstellung mit ihren 260 Exponaten kritisch, ja polemisch. Sie zeigt Beispiele aus dem Gruselkabinett der politisch motivierten Verherrlichung eines Gesellschaftsmodells, dessen antifaschistische Legitimation sich als ebenso brüchig erwies wie der Fortschrittsglaube als Utopie.

Gegen die Vorgaben stemmen


Mehr thematisch als chronologisch belegt die Ausstellung das Bestreben der Künstler, rigide Vorgaben zu unterlaufen. Manche Maler hielten das nicht aus. Sie flüchteten in den Westen - wie Georg Baselitz, Gerhard Richter oder A. R. Penck. Oder sie gingen in ein inneres Exil des Eigensinns - wie Carlfriedrich Claus oder Gerhard Altenbourg.

Vor notorischem Misstrauen mussten sich aber auch die offiziellen Malerheroen wie Bernhard Heisig, Werner Tübke oder Wolfgang Mattheuer behaupten. Dass auch der zum Staatsmaler schlechthin avancierte Willi Sitte in den Anfangsjahren zu jener Mal-Schule in Halle gehörte, die jahrelang den ernsthaften Versuch eines eigenständigen Anschlusses an die westeuropäische Nachkriegsmoderne versuchte, belegt ein eigener Schwerpunkt der Weimarer Schau. Solche historischen Exkurse gehören ebenso zu ihren Qualitäten wie der vielfach in den Sujets und der Ästhetik reflektierte Utopie-Verlust. Vor allem in den Achtzigern kann von einem Durchgriff der herrschenden Ideologie auf die Inhalte keine Rede mehr sein. Bei der Form hatte man sogar lange vorher schon die Waffen gestreckt.

So wird die Weimarer Ausstellung für die, die mit dieser Kunst, sei es als Lehrbuchillustration oder subversive Insel einer "anderen" Öffentlichkeit, aufwuchsen, zu einer aufregenden Begegnung mit ihrer eigenen Geschichte. Für jene Besucher, für die DDR-Kunst ein abgeschlossenes museal erlebbares Kapitel Kunstgeschichte ist, dürfte sie mit ihren Beispielen von handwerklicher Meisterschaft, Lust an der Subversion, enttäuschter Hoffnung, aber auch eigenständigen Beiträgen zu der auf die Abstraktion eingeschworenen Moderne (Hermann Glöckner) überraschen.

Zum Ausstellungsplakat und auf den Einband des exzellent gemachten Kataloges hat es der mit einer Raumschiffkapsel abstürzende Ikarus des Leipziger Malerstars Wolfgang Mattheuer gebracht. Ausgerechnet Ikarus, der ja nicht gerade der Prototyp eines proletarischen Helden mit lichter Zukunft ist. Aber eine melancholisch schöne Metapher für das zentrale Leitmotiv der Ausstellung - nämlich den Abschied von einer Utopie.