Thunfischschwärme in Tokyo: So sieht Tokihiko Ishikis den Untergang (2006-2009). - © Tokihito Ishiki
Thunfischschwärme in Tokyo: So sieht Tokihiko Ishikis den Untergang (2006-2009). - © Tokihito Ishiki

Tokihiko Ishiki ist einer der bekanntesten Manga-Zeichner (Manga-ka) in Japan. Sein Aufstieg in dieser lebendigen Populärszene fernöstlicher Comics begann mit dem Sport-Manga "Derby Jockey", das von 1999 bis 2004 viele Bände füllte. Sein dynamischer und feinnerviger Stil eignet sich besonders für diese schnelle Kunstsparte - in einer Woche muss ein Band mit 20 Seiten erstellt werden, die zahlreichen Fans warten immer gespannt auf die nächste Folge. Die Konkurrenz ist groß, was das Tempo noch anspornt. 2006 bis 2008 nahm sich der Künstler die Romanvorlage des Science-Ficton-Autors Sakyou Komatsu "Japan sinkt" von 1973 vor - sein Manga entstand in Zusammenarbeit mit dem Autor.

Dazu wurde in Teamwork ein Animationsfilm mit dem Anime-Spezialisten Shinji Huguchi erstellt. Die Filmstills verschmolzen mit den Zeichnungen und erschienen von 2006 bis 2009 wöchentlich; zuletzt wurden sie in einer 15-bändigen Taschenbuchserie noch einmal veröffentlicht. Das MAK hat sich bereits 2005 in einer Ausstellung mit dem Manga als aktuellem Nachfolger des Farbholzschnitts auseinandergesetzt. Doch diesmal ließen sich Kurator Johannes Wieninger und Architekt Michael Embacher etwas ganz Besonderes einfallen.

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Lkw-Planen zum Genuss


Statt einer Wand mit einer zehn Meter langen Präsentationsfläche für die vergrößerten Zeichnungen Tokihiko Isikis sind 150 Meter als Art Vorhang aus verstellbaren Lkw-Planen auf beiden Seiten des Raumes in Schienen an der Decke eingehängt; das Abgehen dieser Form von "Gehirnwindungen" (Wieninger) folgt nach individuellen Bedürfnissen beim visuellen Genuss. Zum Lesen gibt es dazwischen für das vor allem junge Publikum Sitzinseln und Tische mit den Bänden und deutscher Übersetzung.

Die erzählte Geschichte gibt sehr zu denken, denn es ist bekannt, dass die geografische Lage Japans mit drei zusammenstoßenden Kontinentalplatten in Bewegung, das Land besonders gefährdet. Die 1973 um diesen Wissenskern erfundene Apokalypse und bis 2008 gezeichnete Vision eines totalen Untergangs von Japan binnen 322 Tagen ist am 11. März 2011 von der Realität in manchen Punkten drastisch eingeholt worden. Für den Künstler erschreckend, war die atomare Bedrohung zur Hochtechnisierung jedenfalls im Manga schon ein Thema, neben einer versuchten, aber scheiternden Evakuierung der Bevölkerung und persönlicher Gefühlsdramatik Einzelner. Der Voraussage eines verrückten Professors wird in diesem Roman kein Glaube geschenkt. Als Vulkane ausbrechen und See- auf Erdbeben folgen, ist es dann für ein Entkommen zu spät. Dichter und Zeichner bieten kein Happyend an, Hochhäuser versinken und sind im Meer zuletzt nur mehr von Fischen umgeben, die Menschen in der großen Flut umgekommen; im Film ist die Rettung allerdings tröstlich eingebaut.

Interaktiver Schauraum


Zu drei Screens für Filme mit einem Interview und der über die Schulter des Künstlers blickenden Dokumentation darüber, wie ein solches Manga gezeichnet wird, kommt in den eingehängten Pultvitrinen das Skizzenmaterial im Original, das von der Anregung und ersten Entwürfen bis zur Reinzeichnung, sowie der Kombinatorik mit fremdem Material den Werkprozess abwechslungsreich präsentiert. In so einem interaktiven Ausstellungsraum entsteht leicht die Lust, selbst zeichnerisch tätig zu werden - im Begleitprogramm ist daher neben Animationsfilmen auch ein Wettbewerb für europäische Mangas ausgeschrieben. Als Gewinn winkt eine Reise nach Japan, wohl auch mit Besuch der Ateliers der Manga-kas vor Ort.