Max Ernst verbindet Surrealismus und historische Bezüge zum Isenheimer Altar Matthias Grünewalds in seinem Gemälde "Die Versuchung des heiligen Antonius" (1945). - © VBK, Wien/Lehmbruck Museum/Achim Bednorz
Max Ernst verbindet Surrealismus und historische Bezüge zum Isenheimer Altar Matthias Grünewalds in seinem Gemälde "Die Versuchung des heiligen Antonius" (1945). - © VBK, Wien/Lehmbruck Museum/Achim Bednorz

Ein Dreigestirn des Surrealismus präsentiert die Albertina. Nach René Magritte und vor Juan Miró widmet sie derzeit Max Ernst eine große Retrospektive, die danach in die Fondation Beyeler in Basel wandert. Nach fünf Jahren Vorbereitung sind fast alle wichtigen Werke des Künstlers in den weitläufigen Kahn Galleries zu finden; etliche freilich sind durch die Sammlungen Batliner und Forberg auch in der Albertina selbst. Mit dem Spiritus Rector Werner Spies steht ein ehemaliger Freund des Künstlers aus Paris in den sechziger Jahren dem Kuratorenteam vor. Es war sogar möglich, von den siebzig erhaltenen Skulpturen und den frühen Collagen eine größere Zahl einzubeziehen. Mit "Der König spielt mit seiner Königin" von 1944 und einer Menge von Vogelidolen ähnlichen kleineren plastischen Gestaltungen zeigt sich Ernst als Schwellenfigur zwischen Post-Moderne und prähistorischer Wiedererweckung, zwischen Romantik und der sich neu entdeckenden Malerei nach 1945.

Henry Miller meinte, Ernst sei "ein unruhiger Vogel, als Mensch verkleidet" - nicht von ungefähr, denn der 1891 in Brühl bei Köln geborenen Künstler benannte seine Alter Egos wie ein Schamane, "Loplopvogel" oder "Schnabelmax" hieß er sie. Freunde bezeichneten ihn als "Dadamax", da er diese Bewegung ins Rheinland ausweitete, bevor er 1922 endgültig nach Paris ging.

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Ernst besuchte keine Akademie, studierte statt Malerei Kunstgeschichte, Germanistik, Psychiatrie, Philosophie und Romanistik. Das Zeichnen hatte er früh von seinem Vater erlernt, einem Lehrer für Gehörlose, der sich als Amateurmaler betätigte. Sigmund Freuds Studien zum Unbewussten in die Kunst zu integrieren, gelang dem Malerdichter ebenso wie die Thesen André Bretons vom antirationalen "automatischen Zeichnen" zu befolgen, und doch vergleicht Spies ihn vor allem mit den Rätsel suchenden Poeten Franz Kafka und Samuel Beckett.

Historiengemälde, die wie Traumlandschaften scheinen


Der Erste Weltkrieg, aus dem Ernst verwundet wiederkehrte, sein Leben in Paris ab 1922 und Südfrankreich bis zu Internierung, Flucht und Exil im Zweiten Weltkrieg und die Rückkehr nach Europa aus den USA 1953 haben das Werk mitgeprägt. Spies sieht Ernsts Werke daher mehr als Historiengemälde denn als phantastische Traumlandschaften, auch wenn er die Vorbilder in der Romantik, Arnold Böcklin oder die Konfrontation mit Giorgio de Chirico und Pablo Picasso hervorhebt. Nicht nur als Historien, eher als Ikonen des vorigen Jahrhunderts treten uns "Die Menschen werden nichts davon wissen" oder "Weib, Greis und Blume", die vielen Waldbilder, "Das Vogeldenkmal" oder "Die ganze Stadt" und "Der Garten Frankreichs" entgegen. Diese Bilder befragen uns, aber "Die Versuchungen des heiligen Antonius" lassen auch auf Grünewald und Bosch zurückblicken; auch Letztgenannter trat in seinen Bildern als Eule auf.