Wesentlich aber sind der bewusste Einsatz von Stillosigkeit und malerischem Experiment, die es Ernst ermöglichten, die immer wieder totgesagte Malerei zu erneuern und den Anstoß für den abstrakten Expressionismus und die Pop-Art zu geben. Er pflegte den Anachronismus zwischen
Naturnachahmung und Abstrak-tion, zwischen naturwissenschaftlich zerlegtem Fragment und organischem Wachstum, und konnte, wie ein Zauberer, die Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in das Spiel der Oberfläche zwischen visuell und taktil entlassen, als er 1976 starb.

Neben der Dripping-Methode mit Farbklecksen aus der Dose, die nach ihm Jackson Pollock zum berühmten Action-Painter machte, erweiterte Ernst die Technik der Collage in die Ölmalerei und erfand die wesentlichen Techniken der surrealistischen Malerei mit der Abreibung von Holzmaserung oder anderen Gegenständen, die "Frottage". Es folgten Reliefs der "Grattage" und die Abklatschtechnik "Decalcomanie". Er wechselte stets "jenseits der Malerei" durch Realitäten durchkreuzende Diagramme, eingeklebte Bild-Readymades und frühen Einbezug der Fotografie.

Ralph Ubl schreibt Ernst im Katalog die Gabe zu, aus dem Ende und den Ruinen, die auch inhaltlich seine Bilder nach den Kriegen prägten, einen Neuanfang gefunden zu haben.

Nachwirkungen bis
in die Gegenwart


"Eine Liebesnacht" baut sich 1927 nicht nur aus dem Helldunkel auf, sondern aus Spuren, die zufällig gefallene und wieder abgelöste Schnüre hinterließen.

Solche "Einfälle", die Idee und das Fallen kombinieren, hat später Daniel Spoerri in seinen "Fallenbildern" bis heute voran getrieben. Auch das Überarbeiten der Fotografie "Die sichtbare Frau" mit Bleistift oder die weiße Ritzung in schwarze Malschicht im Bild "Nike von Samothrake" 1923 sind früher nicht erkannte subversive Erweiterungen des Kunstbegriffs, die aktuell bleiben.

Dadamax als ewiger Reibepol? Immerhin bis Anselm Kiefer, Sigmar Polke oder Gerhard Richter dehnen sich seine Malereifragen sicher aus; im Boom der Zeichner spiegelt er sich auch noch bei Raymond Pettibon oder den frühen Collagen Franz Wests.

Filme mit und über Max Ernst ergänzen diese Schau mit 180 Gemälden, vielen Skulpturen und Papierarbeiten - der Minotaurus mit dem Schachbrett macht die Albertina einmal mehr zum Labyrinth des König Minos.