Sie ist schlicht und ergreifend großartig: die hundertste Ausstellung in der Albertina, mit der das Museum sein zehnjähriges Bestehen seit der Wiedereröffnung im Jahr 2003 einläutet. Die Namen Bosch, Bruegel, Rubens und Rembrandt erscheinen im Ausstellungstitel als Zugpferde der Präsentation, die Exponate weiterer 62 Künstler zeigt.

170 Werke aus der grafischen Sammlung des Hauses hat man ausgewählt, um die niederländische Zeichenkunst vom ausgehenden Mittelalter bis zum Höhepunkt des Goldenen Zeitalters um 1650 nahezu lückenlos zu veranschaulichen. Von anderen Kunstgattungen, allen voran von der Malerei, isoliert betrachten konnte man das Medium Zeichnung in diesem Umfang in der Geschichte der Albertina noch nie. Die Präsentation ist eng verwoben mit der in den 1760er Jahren einsetzenden Sammelleidenschaft des Gründers und Namensgebers Herzog Albert von Sachsen-Teschen (1738-1822), dem die Kunst aus den Niederlanden ein besonderes Anliegen war.

Fotostrecke 12 Bilder

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt mit der Ära um 1440, einer Zeit, in der die Zeichnung noch als Hilfsmittel der Malerei und nicht als eigenständige künstlerische Disziplin angesehen wurde. 1441, nach dem Tod des berühmtesten Vertreters der altniederländischen Malerei Jan van Eyck, setzten viele seiner Nachfolger dessen Gemälde (mitunter ausschnitthaft) in Skizzen um. Auf diese Weise blieben einige verloren gegangene Meisterwerke dokumentiert.

Ab 1500 etwa begannen sich neben biblischen Themen auch andere Bildmotive Bahn zu brechen. Beispielhaft hierfür etwa die Federzeichnungen aus der Werkstatt Bernard van Orleys mit kaiserlichen Jagdszenen. Sie dienten als Entwürfe für Gobelins. Aber auch ungemein detailreiche Landschaftsdarstellungen, Stadt- und Architekturansichten fanden sich nunmehr auf Papier gezeichnet, ebenso Szenen aus dem Alltag.

Meister des Grotesken

Viele Künstler, vor allem jene aus der Handelsmetropole Antwerpen, ließen sich dabei vom italienischen Manierismus inspirieren. Im damaligen Brüssel dagegen war Pieter Bruegel d. Ältere ansässig, dessen eigenwilliger Stil aber nur unzureichend als manieristisch bezeichnet werden kann. Seinen Grafiken und denen seines großen Vorbilds Hieronymus Bosch widmet die Ausstellung einen eigenen Raum. Beide Meister des Grotesken, lagen ihre Geburtsjahre über sieben Jahrzehnte auseinander. Mit Staunen pendelt der Blick zwischen Boschs "Baummenschen" (um 1500/1510) und dem daneben liegenden Blatt "Die großen Fische fressen die kleinen" von Bruegel aus dem Jahr 1556.

Bis zum beginnenden 17. Jahrhundert entfaltet die Zeichenkunst eine unglaubliche Vielfalt an Techniken. Sogenannte "Federkunststücke" galten als "Königsklasse" der Disziplin, wie das Blatt "Ecce Homo" von Jacob De Gheyn II aus 1616 belegt.

Den Stellenwert der Zeichnung als Kompositions- und Figurenstudie im Werk des Barockmeisters Peter Paul Rubens beleuchtete die Albertina in einer großen Retrospektive 2004. Hervorzuheben in der aktuellen Schau sind vor allem die gezeichneten Familienporträts des Malerfürsten.

Was die Landschaftsdarstellung betrifft, so gelang es kaum einem anderen, wie Rembrandt Lichtstimmungen einzufangen. Der Meister der Radierkunst und der reduzierten Strichführung erwies sich aber auch in sämtlichen anderen Genres als genial. Seine Skizze eines traurigen Elefanten (1637) etwa ist von bestechender psychologischer Qualität. Keine der mehr und mehr naturalistischen Tierdarstellungen der folgenden Künstlergenerationen löste diesen Anspruch ein.