Marc Chagalls "Einführung in das Jüdische Theater" zeigt einen bunten Reigen der Künste. - © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau Chagall/ProLitteris, Zürich
Marc Chagalls "Einführung in das Jüdische Theater" zeigt einen bunten Reigen der Künste. - © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau Chagall/ProLitteris, Zürich

Hochkarätige Kunst für Liebhaber der russischen Avantgarde zeigt das Kunsthaus Zürich unter dem Titel "Chagall - Meister der Moderne". Die Ausstellung umfasst rund 90 Gemälde und Arbeiten auf Papier von Marc Chagall (1887-1985) und konzentriert sich auf die für die Karriere des Künstlers entscheidenden Jahre 1911bis 1922.

Als Chagall 1911 nach Paris kam, sprach er kein Französisch und hatte Heimweh nach seinem Heimat-Stetl Witebsk in Russland. 1922 schreibt er in seinen Erinnerungen "Mein Leben": "Der Louvre hat dieser ganzen Unschlüssigkeit ein Ende gesetzt. Als ich durch den runden Veronese-Saal ging oder durch die Säle, in denen Manet, Delacroix, Courbet hingen, da wollte ich nichts anderes mehr." Die Auseinandersetzung mit den Künstlerkollegen in Paris, der Besuch von Museen, die Großstadt beeinflusste Chagalls Werk. Symptomatisch ist sein Bild "Paris durch das Fenster gesehen" von 1913, das Teil der Zürcher Ausstellung ist. Es hängt normalerweise im Solomon Guggenheim Museum in New York und wurde, wie weitere hochkarätige Werke Chagalls, aus europäischen Sammlungen nach Zürich geholt.

Hier zeigt sich der Einfluss Robert Delaunays, dem Chagall in der Pariser Zeit nahe war: Auch er malte den Eiffelturm. Verblüffend an Chagalls Bild ist die Schönheit der Details, eine geheimnisvoll-magische Wirklichkeit der einzelnen Sujets des Bildes. Chagall sagte einmal: "Die Malerei kommt mir vor wie ein Fenster, durch das ich in eine andere Welt fliehen konnte." Der Januskopf in der rechten unteren Ecke und das unterhalb des Eiffelturms schwebende Paar verweisen auf Chagalls gespaltenes Loyalitätsgefühl - zwischen seiner Liebe zum modernen Paris und den alten, vertrauten Lebensformen zuhause in Russland. Beide künstlerischen Pole - Paris und Witerbsk - sollten im gesamten Lebenswerk nebeneinander bestehen. Das Bild "Paris durch das Fenster gesehen" wirkt wie ein wertvolles Hermès-Foulard, das man sich gerne um den Hals legen möchte.

Einklang von Mensch und Tier


Auch Van Gogh, Matisse und die Fauvisten studierte Chagall. Während andere Künstler sich mit Theorie und Farbgebung beschäftigen, hielt Chagall an seinem Kosmos der Erinnerungen an das russische Landleben fest, einer Ikonographie, die den Einklang von Mensch und Tier in den Mittelpunkt stellt. Im Bild "Ich und das Dorf" von 1911 beispielsweise verwebt Chagall seine Erinnerungen an Witerbsk. In "Mein Leben" sagt er darüber: "Mit diesen Bildern schaffe ich mir meine eigene Heimat." Für ihn war Kunst ein "Seelenzustand", keine Theorie.

Die außergewöhnlichsten Werke der Ausstellung sind die sieben Wandgemälde, die Chagall 1920 für das Staatliche Jüdische Kammertheater in Moskau schuf, als er sich nach seinem Frankreich- und Berlin-Aufenthalt wieder in seiner von der Revolution destabilisierten Heimat aufhielt. Sie hängen normalerweise in der Tretjakow-Galerie in Moskau.

Chagall interessierte sich zeitlebens für das Theater und beschloss, den Zuschauerraum des winzigen Theaters mit Wand- und Deckengemälden auf Leinwand zu dekorieren. Die Wandbilder "Einführung in das jüdische Theater", "Musik", "Tanz", "Drama", "Literatur", "Liebe auf der Bühne" und der Fries "Das Hochzeitsmahl" sind erhalten. In einer Tour de force verwandelte Chagall während eines Monats das kleine Theater in ein allegorisches Environment, das schon bald den Spitznamen "Chagalls Schachtel" trug und Porträts der Mitwirkenden enthielt - darunter auch ein Selbstporträt des Künstlers. Insgesamt sind die Wandmalereien für das Jüdische Theater ein Rundpanorama, in dem Chagall Wirkliches und Erfundenes miteinander verbindet. Er erinnert daran, was er in Witebsk erlebt und in Paris kennengelernt hat. Mit diesem Werk gelang es Chagall, das Potenzial der russischen Avantgarde im Gesamten zu erweitern.

Ausstellung

Marc Chagall - Meister der Moderne

Kunsthaus Zürich

(Heimplatz 1)

Bis 12. Mai