Die Entdeckung der frühgeschichtlichen Kunst von Zeichen auf Steinen bis zur Höhlenmalerei, die erstmals kontrovers 1878 in Paris auf der Weltausstellung diskutiert wurde, brachte seither der Gegenwartskunst laufend starke Impulse.

Bis heute stehen die ersten bekannten Kunstwerke der Menschheit im Interesse über der klassischen Antike. Die Sehnsucht nach vitaler Erneuerung und die Flucht aus der längst als langweilig und kitschig empfundenen "Salonkunst" lenkte den Blick von Paul Gauguin, später Pablo Picasso und Joseph Beuys, auf die vitalen Ursprünge. Bis heute erweitert sich die Kunstgeschichte aber selten in den anthropologischen und ethnologischen Bereich, um diese Spuren für ein breites Publikum sichtbar zu machen.

Die bekannten Höhlenmalereien der Steinzeit werden immer weiter zurück datiert, von 40.000 bis 10.000 v.u.Z. sind 74 Beispiele in Zentral- und Südfrankreich, 38 in Nordspanien, fünf in Italien und einige wenige in Deutschland, Portugal und Russland entstanden. Sie werden einer nomadisch strukturierten Gesellschaft zugeschrieben, die jene großen Höhlen nicht als Behausung, Geburtsklinik oder Grablege, sondern offenbar nur als Zentren schamanistischer Rituale nutzten. Die Sprache der Bilder aus Kohle, Ocker und Rötel, abgemischt mit Tierfetten und Wasser, wird als "kosmischer Symbolismus" oder als "hypothetischer Naturalismus" bezeichnet. Die heute als älteste angesehene, schon Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Höhle Altamira bei Santander löste einen uns grotesk anmutenden Streit über die Ästhetik der stehenden und gelagerten Horntiere aus. Die Malerei passt sich geschickt an die Wölbungen der Höhlenwände an und gewinnt damit an Illusion von Realität.

Aber nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts und seiner linearen Geschichtsauffassung samt Fortschrittsglauben durfte es keine so hohe Qualität der als "primitiv" eingestuften Phase der Menschheit geben; neben der christlichen Auffassung, dass der Mensch nicht so alt sein kann, stand auch der Darwinismus im Weg. Erst mit der Entdeckung der Höhle Lascaux 1940 begann das Umdenken. Die Forscher sprachen plötzlich von der "Sixtinischen Kapelle der Urgeschichte".

Bei einem der letzten Funde einer über 32.000 Jahre alten Kulthöhle in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die heute nach ihrem Entdecker den Namen Chauvet trägt, wurden die urzeitlichen Schöpfer mit Leonardo da Vinci verglichen. Dabei gibt es – wie das bei so alten Spuren der Menschheit eben ist – keinen Hinweis, wer diese Künstler waren, wie sie zu ihren Darstellungen fanden, ob sie männlich oder weiblich waren, eine ganze Gruppe, selbst die Aussage ist ungeklärt. Die Tiere sind nicht perspektivisch geordnet und es bilden sich keine erzählenden Bänder.