München. Der Geschäftsführer eines Auktionshauses steht für Diskretion. Er kennt nicht nur die Objekte, sondern Einlieferer, Käufer, ihre Namen und ihre Geschichten. Es war ein Montag als sich ein Mitarbeiter bei Katrin Stoll, Geschäftsführerin und Inhaberin des Münchner Kunstauktionshauses Neumeister, aufgeregt meldet. Grund: Ein Fund, den er partout nicht einordnen kann.

Amerlings "Mädchen mit Strohhut" wurde 2008 restituiert. - © Dorotheum
Amerlings "Mädchen mit Strohhut" wurde 2008 restituiert. - © Dorotheum

Das Auktionshaus liegt nahe der großen Kunstmuseen, den Pinakotheken. Allein im Haupthaus gibt es drei Lastenaufzüge und zahlreiche Depots. Im Keller des Rückgebäudes befindet sich ein Raum, der eigentlich nur den Hausmeister interessierte: der Raum für Lüftungstechnik, mit einem Schaltpult, bunten Knöpfen und einem unscheinbaren Stahlschränkchen. Das öffnete der Mitarbeiter. Er findet darin 24 Auktionskataloge aus den Jahren 1936 bis 1945 mit handschriftlichen Vermerken. Es sind Versteigerungskataloge des Kunsthändlers Adolph Weinmüller aus der NS-Zeit zu rund 34.500 Objekten. Nahezu lückenlos zeigen sie zu jedem Kunstwerk, wer ein Stück einlieferte, wem es gehörte, wer es kaufte und für welchen Preis. Die Auktionsprotokolle dokumentieren Tragödien. In gepflegter Handschrift liest man etwa "Gestapo" - oder "Gotthilf". Unter den versteigerten Objekten der NS-Raubkunst befinden sich rund 66 Werke aus der Sammlung des bekannten jüdischen Architekten Ernst Gotthilf aus Wien. Ihr Verbleib war bis vor kurzem nicht geklärt. Aus dieser Sammlung stammt beispielsweise auch das Gemälde Friedrich von Amerlings, das 2008 in Wien restituiert wurde und im Dorotheum für 1,5 Millionen an die Sammlung Liechtenstein versteigert wurde.

Liquidation jüdischer Kunsthandlungen

Weinmüller, der vom Oberforstdirektor zum Kunst- und Antiquitätenhändler mutiert, gilt als wichtigster Kunsthändler im Nationalsozialismus. Er verkauft an NSDAP-Funktionäre wie Martin Bormann oder Händler wie die Galeristin Maria Almas-Dietrich. Sie vermittelt die Kunstwerke an Hitlers geplantes Führermuseum in Linz. 1936 bemächtigt er sich des Auktionshauses von Hugo Helbing in München. Der jüdische Händler wird kurz darauf in der Reichsprogromnacht erschlagen. 1938 folgt die Firma von Herbert Kende in Wien. Vor 1933 führte Weinmüller nur ein bescheidenes Unternehmen. Jetzt steigt er zum Marktführer auf, nachdem mit seiner Hilfe sämtliche jüdische Kunsthandlungen liquidiert werden. Weinmüller profitiert doppelt von der Judenverfolgung: Zuerst vernichtet er seine Konkurrenz. Dann versteigert er, was jüdischen Mitbürgern geraubt wird. In den Kriegsjahren sichtet er im Auftrag der Geheimen Staatspolizei in Böhmen und Mähren NS-Raubkunst. Im Entnazifizierungsverfahren gilt er als Mitläufer. Er könne sich an seine Kunden nicht mehr erinnern, sagt er im Spruchkammerverfahren von 1947. Außerdem gebe es keine Unterlagen mehr aus dieser Zeit. Nahtlos setzt er seine Karriere fort. Bis 1950 erhält er aus dem Central Collecting Point der Allierten ganze Konvolute von Gemälden und Skulpturen, der dort gelagerten NS-Raubkunst.

"Ich hatte eine Leiche im Keller", sagt Katrin Stoll, "diese Leiche wollte ich ans Tageslicht holen". Seit fünf Jahren ist die 51-Jährige die Inhaberin von Neumeister. Ihr Vater, Rudolf Neumeister, hatte das Auktionshaus 1958 von Adolph Weinmüller übernommen. Ganz unvorbereitet traf sie der Fund nicht. Denn bereits vor vier Jahren ließ sie die Nazi-Vergangenheit der Vorgängerfirma in Kooperation mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin durchleuchten. Damit tat die gebürtige Münchnerin etwas fast Einzigartiges. Als erstes deutsches Auktionshaus stellte sie sich den Verstrickungen in die Verbrechen des Nationalsozialismus. Denn, das Wiener Dorotheum ausgenommen, hat sonst bisher keine weitere Institution des Kunsthandels im deutschsprachigen Raum seine Geschichte aufarbeiten lassen.

Unterlagen über Versteigerungen während der NS-Zeit sind nicht zuletzt deshalb rar. In vielen Museen herrschten nach dem Krieg dieselben Kunsthistoriker wie zur NS-Zeit. Sie hüteten ihre Zungen. Galeristen wollten niemanden verprellen. Nicht selten erzählten sie deshalb die Legende von den im Krieg verbrannten Kaufunterlagen.

Für Restitutionsforscher könnte der Fund einen Durchbruch bedeuten - und zu etlichen neuen Rückgaben führen.