Michael Mosers Fotos dokumentieren die Lebensbedingungen im Japan des 19. Jahrhunderts. - © Michael Moser/Kammerhofmuseum
Michael Mosers Fotos dokumentieren die Lebensbedingungen im Japan des 19. Jahrhunderts. - © Michael Moser/Kammerhofmuseum

Vom Bauernjungen in einem kleinen Dorf in Österreich zum Fotografen und Dolmetscher für die japanische Regierung in Tokio, inklusive Treffen mit dem japanischen Kaiser - eine solche Lebensgeschichte klingt wie ein Märchen. Doch Michael Moser hat genau das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt. "Seine Biografie kann gerade für junge Leute in der heutigen globalisierten Welt eine Inspiration sein", glaubt der Enkel des Fotografen, Professor Alfred Moser. Er schätzt an seinem Großvater, dass er sich fremden Kulturen mit Offenheit und Toleranz näherte. Dessen Motto war: "Man soll jedem Affen seine Freude lassen."

Fotos prägen das Japan-Bild


Nach 250 Jahren Abschottung hatte sich die damals mythenumrankte Inselnation Japan erst 1853 auf Druck der USA dem Ausland geöffnet. Nur wenig war über das Land und seine Bewohner bekannt. Dass sich dies langsam änderte, daran hatte auch Michael Moser Anteil. Zu Fuß und per Maultier machte er sich damals auf den Weg ins Landesinnere, fotografierte den Alltag, die Kleidung, die Häuser der Japaner, und manchmal sich selbst in japanischer Tracht. Er und sein Landsmann Baron Raimund von Stillfried, der 1868 nach Yokohama zog, zählten zu den ersten Österreichern, die Japan fotografisch dokumentierten und so das Japanbild in der Heimat prägten.

In Erinnerung daran wurden nun anlässlich Mosers 160. Geburtstag in Altaussee und Bad Aussee zwei Gedenktafeln enthüllt und eine Ausstellung im Beisein des japanischen Botschafters in Österreich, Shigeo Iwatani, eröffnet. Zu Moser und Stillfried sollen heuer auch noch Biografien erscheinen.

"Michael Moser hat eine erstaunliche Karriere gemacht", sagt Enkel und Chemie-Professor Moser im Interview mit der "Wiener Zeitung". Ihm imponiert besonders, wie schnell sich der Junge aus einfachen Verhältnissen Wissen aneignete. Es war nicht abzusehen, dass er einmal Fotograf, Dolmetscher und Feuilletonist für eine Zeitung werden würde. Lange war seine Arbeit auch gar nicht bekannt. In den 1970ern entdeckten die japanischen Universitäten Tokio und Nihon seine Geschichte wieder und begannen, seinen visuellen Nachlass zu digitalisieren. Alfred Moser freut sich über die wissenschaftliche Aufarbeitung des Erbes: "Es ist eine späte Ehrung für meinen Großvater."

Dessen ungewöhnliche Lebensgeschichte begann mit einem Zufall: Als der Wiener Fotograf Wilhelm Burger in Michaels Heimatort Altaussee Landschaftsaufnahmen machte, brauchte er ein Holzgestell für seine Kamera. Er wurde an Salzbergwerksarbeiter Joachim Moser verwiesen, der im Nebenberuf tischlerte. Sein damals 14-jähriger Sohn Michael war fasziniert von den Apparaten des Fotografen. Angetan von dessen Fleiß nahm ihn Burger als Lehrling 1867 mit nach Wien. Ein Jahr später bekam Burger den Auftrag, die Expedition der österreichischen Ostasienmission 1868 zu dokumentieren. Der Auftrag sollte Mosers Leben für immer verändern.

Das Abenteuer begann mit einer knapp ein Jahr dauernden Schiffsreise über das Kap der Guten Hoffnung und mehrere Häfen in Asien. Michael hatte nie zuvor das Meer gesehen. Im Oktober 1869 legten sie in Yokohama an. Schon fünf Wochen später trat die Delegation die Rückreise an, wenige Wochen später in Eigenregie auch der Fotograf Burger. Doch Moser, den Burger inzwischen aus seinen Diensten entlassen haben soll, blieb. Die Hintergründe sind unklar. Gab es Streit? Wollte Moser nicht schon wieder aufs Schiff, weil er stark seekrank war? Schreckte ihn die Aussicht ab, wie sein Vater im Salzbergwerk schuften zu müssen?

Seine erste Zeit in Japan war hart. Er fing als "Mädchen für
alles" in der Hafenkneipe eines Russen an. Dann versuchte er
mit einem Franzosen, ein Fotostudio zu eröffnen, doch bald zerstörte ein Taifun das Studio. Daraufhin begann Moser, als Fotograf für die illustrierte Monatsschrift "Japan Gazette/Far East" zu arbeiten. Bei seinen Exkursionen durchs Land gelangen ihm viele Einblicke in das Japan kurz nach der Meiji-Restauration 1868, die das Land in die Moderne hineinführte.

Dolmetsch für die Regierung


Parallel dazu lernte Moser, dem Rat des Schotten John Reddie Black folgend, der zu seinem Mentor geworden war, mehrere Fremdsprachen: Japanisch, Englisch, Italienisch sowie ein wenig Französisch. Seine Sprachkenntnisse sollten ihm 1873 die erste Reise zurück in die Heimat ermöglichen: Denn die japanische Regierung lud ihn ein, an der Wiener Weltausstellung für sie zu dolmetschen; später, wieder in Japan, stellte sie ihn als Fotografen an. In dieser Zeit wurde er sogar dem damaligen japanischen Kaiser, dem Tenno, vorgestellt.

Drei Jahre später, 1876, dolmetschte Moser erneut für Japan, dann auf der Weltausstellung in Philadelphia. Moser war begeistert, wollte sogar US-Bürger werden. Doch eine schwere Fiebererkrankung, die ihn drei Monate an ein Krankenhausbett fesselte, änderte seine Pläne.

Er ließ Japan hinter sich, die USA auch, und ging 1877 nach Altaussee zurück. Dort eröffnete er mit seinem Bruder Eusebius ein Fotostudio, das später seine Frau, die Fotografin Franziska Fruhwirth, weiterführte. 1890, ein Jahr nach der Hochzeit, kam ihr Sohn Philipp auf die Welt, der als junger Mann Jura und Musik studierte.