Der Vatikan zeigt auf der Biennale in Venedig etwa Arbeiten von Tano Festa. Collezione Jacorossi, Roma
Der Vatikan zeigt auf der Biennale in Venedig etwa Arbeiten von Tano Festa. Collezione Jacorossi, Roma

Vatikan. Kaum dass ruchbar geworden war, dass der Vatikan heuer zum ersten Mal in der Geschichte an der Biennale von Venedig teilnehmen wird, wurde in rechtskatholischen Blogs auch schon heftig dagegengeeifert und - gegeifert: Verschwendung von 2,8 Millionen Euro, horrender Pavillon, mediokre "Leinwandstecher", Werke von minderwertiger Qualität, totaler Gegensatz zum päpstlichen Lehramt, denn die schönen Künste seien, wie in der Konzilskonstitution vermerkt wäre, "vom Wesen her auf die unendliche Schönheit Gottes ausgerichtet, die in menschlichen Werken irgendwie zum Ausdruck kommen soll, und sie sind umso mehr Gott, seinem Lob und seiner Herrlichkeit geweiht, als ihnen kein anderes Ziel gesetzt ist, als durch ihre Werke den Sinn der Menschen in heiliger Verehrung auf Gott zu wenden". Das Ganze sei ein unwürdiger Zirkus, der allein den Narzissmus eines Individuums und dessen Renaissance-Hofstaat befriedigen solle.

Kardinal Gianfranco Ravasi, dem diese unqualifizierten Angriffe (mit Begründungen und Formulierungen, die genauso gut von Ayatollah Chamenei stammen könnten) gelten, reagiert gelassen darauf. Seit seiner Ernennung zum Presidente del Pontificio Consiglio della Cultura (also quasi zum vatikanischen Kulturminister) verfolgt der 72-jährige, zwölf Sprachen sprechende, twitternde, bloggende und Amy Winehouse liebende Bibelforscher und Judaist unbeirrt sein Ziel der Wiederannäherung von Kirche und Kunst. Er hat 60 Künstler beauftragt, 60 Werke zum 60. Priesterjubiläum Benedikts XVI. zu schaffen, er hat 250 Intellektuelle mit eben diesem Papst in der Sixtinischen Kapelle zu einem Gespräch zusammengebracht, er hat einen Wettbewerb zur Vertonung des "Credos" durch zeitgenössische Komponisten ausgeschrieben, er hat sich für eine neue grafische Gestaltung des "Lezionario"-Lesebuchs eingesetzt und noch mehr.

Ein Beuys für die Kirche

In verschiedenen Interviews zu seinem Amtsantritt hat er sich wortreich über "Geschmacksverirrungen" beklagt, darüber, dass Künstler ("der schlimmsten Sorte") viel zu viel darüber nachdenken würden, was der Kirche wohl gefallen könnte, dass Stararchitekten wie Mario Botta, Renzo Piano oder Tadao Ando zwar schöne Kirchen bauten, aber sich danach nicht darum kümmerten, wie diese Räume durch von ortsansässigen Pfarrern ausgewählten hässlichen Altären verschandelt würden - und dass die Kirche generell den Kontakt zur Kreativität verloren habe, weil sie zum Beispiel in den 60ern nicht die "Kreuzigung" von Joseph Beuys erworben habe. "Das wäre ein großes Zeichen gewesen. Zwei leere Flaschen, die einmal Blutkonserven enthielten, ein wenig Draht und Holz. Diese Kreuzigungsgruppe gehört in einen sakralen Raum, nicht in ein Museum."

Somit ist das von ihm seit fünf Jahren mit Vehemenz betriebene Projekt der Biennale-Teilnahme, das eine kleine Sensation darstellt, nachdem der Patriarch von Venedig Giuseppe Melchiorre Sarto 1895 allen Katholiken verboten hat, dort auszustellen, nur in diesem viel größeren Zusammenhang zu sehen.

"Seit dem 19. Jahrhundert", konstatiert Ravasi, "gibt es eine unleugbare Krise in der jahrtausendealten Beziehung zwischen Kunst und Kirche. Einen verweigerten Dialog, eine Scheidung, einen Bruch. Die Künstler suchten plötzlich nur noch das Unästhetische und wichen den letzten Fragen aus. Die Kirche wiederum hatte große Furcht davor, sich mit dieser veränderten Welt einzulassen. So entstanden provozierende Blasphemie auf der einen und fades Kunstgewerbe auf der anderen Seite. Der Versuch muss gewagt werden, die alten getrennten Geschwister Kunst und Glauben langsam wieder zusammenzubringen. Die Biennale in Venedig ist dabei ein Anfang, ein erster, noch nicht grandioser Schritt auf einem langen Weg."

Der Pavillon (der, und darauf besteht man, nicht unter "Vatikan", sondern unter "Santa Sede" firmieren wird) befindet sich übrigens in der ehemaligen Sala d‘Armi im Arsenal und liegt mittels einer glücklichen Koinzidenz (die vor einem Jahr natürlich niemand voraussehen konnte) gleich neben dem von - Argentinien.

Zu Beginn der Anfang

"Wir haben uns bewusst entschlossen, für diesen Anfang
kein liturgisches Thema zu wählen, sondern ein universelleres, existenzielleres", erklärt Ravasi. "Als Inspiration für dieses Incipit
dienten uns der Anfang der Bibel, die ersten elf Kapitel der Genesis. Ihren Inhalt haben wir zum Motto ,creazione/de-creazione/re-creazione‘ (Schöpfung/Zerstörung/ Neuschöpfung) verdichtet. Und für jeden dieser drei Begriffe hat dann unsere Kommission unter dem Vorsitz von Professor Antonio Paolucci, dem Direktor der Vatikanischen Museen, einen Künstler ausgesucht. Natürlich wollten wir keine spermaweinende Madonna präsentieren oder die beim Abendmahl masturbierenden Jünger des Alfred Hrdlicka. Allerdings auch keine Gefühls- und Rührungsästhetiken beziehungsweise Protegés von Kardinälen oder Politikern."