Wafaa El Saddik: "Die Ägypter werden immer verlangen, dass Nofretete zurückkommt." - © Foto: Robert Newald
Wafaa El Saddik: "Die Ägypter werden immer verlangen, dass Nofretete zurückkommt." - © Foto: Robert Newald

"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch zeigen Sie Ihre Begeisterung für Kunstschätze und bedauern dem gegenüber, dass die ägyptische Bevölkerung sich zu wenig mit ihrem Kulturerbe identifiziert. Warum tut sie es nicht?

Wafaa El Saddik: Die Menschen sind damit beschäftigt, wie sie überleben können. Da gibt es keine Zeit, um ein Museum zu besuchen. Außerdem haben sie das Gefühl, dass die pharaonische Zeit den Touristen gehört - sie fühlen sich vor lauter Besuchern unter den Exponaten fremd. Als Museumsdirektorin habe ich versucht, den Menschen ihr Erbe näherzubringen. Etwa sage ich zu Kindergruppen: Wenn Ihr etwas von Eurem Großvater habt, ist das nicht etwas Besonderes? Sie sagten ja, und ich: Hier ist, was Eure Ahnen hinterlassen haben, und denkt daran, was Ihr hinterlassen werdet. Nach und nach begriffen sie die Schätze als ihr Eigentum.

Sie berichten von Korruption im Umgang mit Kunstschätzen unter der Regierung des gestürzten Staatschefs Hosni Mubarak. Was darf man sich darunter alles vorstellen?

Mubaraks Regime war nicht nur bei Kunstschätzen korrupt, sondern bei allen Schätzen - Korruption war System. Es war normal, dass wir alles, was Mubarak sagte, machten - dabei sagte er eigentlich gar nichts. Wir Menschen machten den Diktator. Da kommt jemand, und wir vergöttern ihn. Wer seine Verbindungen mit Mubarak verbessern wollte, konnte ihm eine Idee unterbreiten. Solange sie Mubarak Publicity brachte, sagte er: Na klar. Er war immer begeistert von jedem neuen Projekt, das ihn in die Medien brachte als derjenige, der es gefördert oder der die Ausstellung eröffnet hat. Bei der Projekt-Durchführung kassierten dann viele Beteiligte Provisionen. Denn wenn ich sehe, dass mein Boss sich an etwas bereichert, der sieht, dass der Minister sich bereichert, der wiederum weiß, dass Mubarak es auch tut, dann wird das alles ganz normal. Menschen, von denn ich dachte, dass sie sofort im Gefängnis landen würden, wurden immer befördert und größer.

Einmal wollte jemand eine Ausstellung in einem Hotel im Badeort Sharm-el Sheikh machen mit der Begründung, dass Mubarak es so wolle. Ich habe das gestoppt, denn man kann nicht hochempfindliche Kunstschätze ungesichert in einem Hotel zeigen, wo die Leute baden, tauchen und tanzen.

Wie setzt man seinen Willen in einem Regime durch, in dem Menschen, die Widerstand leisten, ins Gefängnis kommen?

Es war nicht das erste Mal, dass ich nein sagte. Wenn man weiß, dass was die anderen wollen falsch ist, dann ist man stark und muss eine gerade Linie stehen und dabei bleiben. Es wäre mir lieber gewesen, dass sie mich entlassen, als zu tun, was sie von mir gewollt hätten. Ich wollte nicht eine von denen sein und ich habe es irgendwie geschafft, das Museum abzuschirmen. Ich brachte viele Ausstellungen ins Ausland, etwa waren wir in Wien mit Tutanchamun. Das hat Ägypten mehr als 100 Millionen Dollar gebracht - offenbar dachte man also, sie macht ihre Arbeit gut, lassen wir sie in Ruhe.

Sie berichten auch über Dinge, über die Sie unter Mubarak schweigen mussten. Worüber?

Ich habe immer meine Meinung gesagt - und dann vom Ministerium Anrufe bekommen mit der Anweisung: Du darfst das nicht sagen. Einmal schrieb ich einen Bericht, dass ein Parteigebäude auf dem Grundstück des Museums abgerissen werden sollte zugunsten der Ausweitung des Museums. Von oben hieß es: Wir haben gedacht, du bist vernünftig, aber du bist verrückt. Gottseidank habe ich diesen Plan nach der Revolution an den Premierminister geschickt und die haben nun zugesagt, dass das Gebäude weg muss, damit das Museum vergrößert werden kann. Nur fehlt uns jetzt das Geld.

Es sollte ein neues Ägyptisches Museum vor den Toren Kairos gebaut werden. Wer kommt für den 600 Millionen Euro teuren Bau auf?

Das war ein Mubarak-Plan. Es sollte seine Pyramide werden - dabei könnten wir das vorhandene Museum vergrößern mit zehn Prozent des Geldes. Vom neuen Museum stehen derzeit nur die Fundamente, Magazine und das Labor. Was bisher gebaut wurde, geht auf einen Kredit von Japan zurück, den wir nun nicht zurückzahlen können, weil keine Touristen kommen. Auch das alte Museum können wir nicht renovieren.

Was genau ging in der Revolution 2011 kaputt, welche Kunstwerke sind bei den Plünderungen verschwunden und wer ist schuld?

Der Keller ist sehr gut gesichert, niemand kam rein. Ansonsten hat das Museum alte, schöne Vitrinen ohne Panzerglas. In sie wurde am 28. Jänner 2011 eingebrochen (am 25. Jänner begannen in den Städten Ägyptens Demonstrationen, die am 28. Jänner den ersten Höhepunkt erreichten). Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie die Diebe in das versperrte Museum kamen und wieder hinaus. 70 Vitrinen wurden zerstört, 70 Objekte gingen kaputt und weitere 70 Objekte wurden gestohlen, von denen die Hälfte wieder zurückkam oder zwischen den Vitrinen gefunden wurde. Aber 35 Stück fehlen noch.

Gibt es Hinweise, wo diese Objekte sein könnten?

Sie sind wohl außer Landes geschafft worden. Es handelt sich ausschließlich um ganz bestimmte Objekte. Ich gehe davon aus, dass sie gezielt aus dem Museum entfernt wurden, denn die Diebe nahmen verschiedene Objekte aus verschiedenen Vitrinen, die alles aus der Epoche von Amarna (Periode im 14. und 13. Jahrhundert vor Christus) stammen, und zwar aus dem Grab Tutenchamuns, seines Vaters Echnaton und seines Großvaters. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wer die Gefängnisse in Ägypten öffnete, damit die Kriminellen Chaos stiften. Das Museum wurde nämlich genau in diesen Stunden beraubt - und alles, damit eine Clique an der Macht bleibt. Die Clique wollte zeigen, dass ohne Mubarak nur Kriminelle unterwegs sind. Ohne Mubarak könnte Kulturerbe sogar aus dem Ägyptischen Museum straflos gestohlen werden.