Dafür gab’s den Goldenen Löwen für den besten Künstler: Das Werk des Briten Tino Sehgal bewegt sich an der Grenze von Performance und Klang. - © ap/Luigi Costantini
Dafür gab’s den Goldenen Löwen für den besten Künstler: Das Werk des Briten Tino Sehgal bewegt sich an der Grenze von Performance und Klang. - © ap/Luigi Costantini

Venedig. Venedig allein ist ein Kunstwerk von Weltrang. Zu Biennale-Zeiten allerdings bietet die Lagunenstadt zugleich die Bühne für die größte Kunstschau der Welt. In den Giardini mit ihren Länder-Pavillons, in den Arsenali aber auch verteilt über die ganze Stadt in unzähligen Museen und Palästen. Ausgerechnet der heuer mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Länderbeitrag des erstmals teilnehmenden Angola war abseits der Besucherroute im noblen Palazzo Cini untergebracht. Dort hat Edson Chaga unter dem Titel Encyclopedic City Luanda eine Installation von Fotos zum Mitnehmen zwischen die alten Gemälde platziert.

Der Ansturm der Fachwelt und der Kunsttouristen ist von Anbeginn an enorm. Es kann gut sein, dass die 55. Biennale sogar etwas wie ein akustisches Logo hat. Am nördlichen Ende der Arsenali nämlich, da wo man nur mit dem Schiff an jenes Ufer gelangen kann, wo man in riesigen Ausstellungshallen das Staunen über den offiziellen chinesischen Beitrag bei einer Sonderausstellung über die daneben auch noch in China entstandene Kunst fortsetzten kann, erklingt ein verführerisches Musikstück für Bläser: Ein Beitrag des Isländers Ragnar Kjartansson in einer Endlosschleife. Immer wieder live gespielt auf dem kleinen Segelboot S.S.Hangover.

Der erstaunlich entspannt wirkende künstlerische Leiter Massimiliano Gioni (39) hat sich bei seinem zentralen Biennale-Motto "Il Palazzo Enciclopedico" von der abstrusen Idee anregen lassen, mit der Marino Auriti in den 50er Jahren das gesamte Weltwissen in einem Enzyklopädischen Palast unterbringen wollte. Damit kam er natürlich nicht über ein Groß-Modell hinaus. Das kann man jetzt als Auftakt in den Arsenali sehen. Eine der Überraschungen besteht darin, dass es als Anregung funktioniert. Obwohl oder weil Gionis Auswahl vor allem auf das Bestaunen wie in einer barocken Wunderkammer hinausläuft. Seine Auswahl schert sich nicht um den Kunstmessen-Mainstream. Sie ist vor allem auf das untergründig Obsessive in der Kunst aus und schließt mit weitgeöffneten Armen auch die Autodidakten und Outsider ein.

Ironie und Verspieltheit


Gleichwohl überrascht sie immer wieder mit Selbstironie und Humor. So findet sich mitten in den Arsenali ein augenzwinkernder Kontrapunkt zu Auritis Palastturm. Dort steht ein riesiges Wasser-Bassin. Wer das nicht einfach als einen jener unzähligen Kommentare zur Natur im Allgemeinen oder dem Wasser im Besonderen, die sich diesmal in vielen nationalen Spielarten finden, abhakt, sondern bei der Suche nach dem verborgenen Sinn am Beckenrand einige Minuten stehen bleibt, der erlebt mit, wie (als Länder-Beitrag Chiles) Alfredo Jaar unter dem Titel "Venezia, Venezia" ein naturgetreues Modell des Giardini-Geländes mit allen Pavillons aus der Versenkung auftauchen und untergehen lässt.