Maurice de Martin lässt sich für sein Kunstprojekt für so ziemlich alles einspannen. - © Dagmar Geneit
Maurice de Martin lässt sich für sein Kunstprojekt für so ziemlich alles einspannen. - © Dagmar Geneit

Wien/Berlin. "Schön langsam geht es an die Substanz", gesteht der Berliner Maurice de Martin. Gut, der Künstler hatte sich selbst auch keine einfache Aufgabe gestellt: Er wollte den Beweis antreten, dass Kunst nicht bloß elitär und alltagsfremd ist. Und wagte sich mit diesem Vorsatz an einen Ort, der nicht gerade für seine Kunstaffinität bekannt ist: Berlin-Marzahn. Seit gut drei Wochen bietet De Martin nun seine Dienste als Künstler den Bewohnern vor Ort an - unentgeltlich. Und kann sich kaum retten vor Aufträgen. Einfach ist es dennoch nicht. "Das ist der härteste Kunsteinsatz, den ich je hatte", sagt De Martin. Immerhin liegt er mit seinen Auftraggebern und dem Publikum im Dauerclinch darüber, was seine Kunst taugt.

Die Aufträge sind vielfältig. Der 1. FC Marzahn 94 etwa lud ihn ein, die D-Mannschaft "künstlerisch zu trainieren". In einer Kindertagesstätte hielt er einen Percussion-Workshop ab, einer pensionierten Religionslehrerin gestaltete er die Wohnung in eine private Galerie um. Manchmal passt er aber auch: Eine 80-jährige Dame hatte ihn gebeten, ihre Füße zu massieren.

Mini-Diskurs im Plattenbau


Zum Verkaufsschlager hat sich Fensterputzen entwickelt. Vor allem alleinstehende Damen über 60 würden sich um ihn reißen. "Die gönnen sich halt mal was", sagt De Martin. Die Arbeit direkt bei den Menschen zuhause hat einen Vorteil: "Die Menschen verlieren dann die Mauern, die sie rund um sich gebaut haben", sagt er. Die Schwierigkeit eines moderneren Kunstverständnisses als "schöne Bilder in goldenen Rahmen" für manche Marzahner sei vor allem, dass sich viele ständig nur in einer Angriffs-Abwehr-Haltung befänden. So völlig unentspannt würden sie sich auf nichts Neues einlassen können. In ihrem trauten Heim aber hätte er die Chance, die ganzen für ihn relevanten Dinge in seinem Künstlerleben zu artikulieren und darüber zu diskutieren. Von diesen Mini-Diskursen im Plattenbauwohnzimmer bliebe etwas übrig - "einige ältere Damen, die nach meinem Gehen eine andere Meinung über Kunst haben".

Nach jedem Besuch bittet De Martin die Menschen, ihm irgendeinen Gegenstand mitzugeben. Alles, was er erhält - das waren bisher etwa Skalpelle, Hahnenfedern oder Sektflaschen - baut er in der Galerie Marzahn eine Skulptur, die er "Arbeiterstandbilder" mit Bezug auf die DDR-Kunst des Arbeiterstandbildes nennt. "Weil das eben Kunst ist, die aus der Arbeit entsteht."

Sein Einsatz läuft noch diese Woche, der Berliner wird aber bereits jetzt aufgrund des riesigen Medienechos auf seine Aktion in der Straßenbahn erkannt. Aber nicht als Künstler, sondern - als Fensterputzer.