Ratte mal, wer zum Essen kommt. Helga Petrau-Heinzel gibt den Ratten Organe aus Marzipan zu fressen. (Süüüüß!) - © Kurt Prinz
Ratte mal, wer zum Essen kommt. Helga Petrau-Heinzel gibt den Ratten Organe aus Marzipan zu fressen. (Süüüüß!) - © Kurt Prinz

(cai) Bruno Gironcoli war offenbar kein großer Heavy-Metal-Fan. Sichtlich ist er mehr auf Leichtmetall gestanden. Auf Alu. (So gesehen war Michelangelo ein glühender Verehrer des Hard Rock, weil er Marmor, diesen ziemlich harten Stein, gemocht hat.) Die Objekte, anhand derer man sein markantes Formenrepertoire (parallel zur Ausstellung im Belvedere) bequem studieren kann, zumal sie hier in der Galerie Thoman ein sehr überschaubares, fast handliches Format haben, sind sogar leichter, als sie wiegen. Oder leichter, als das Auge glaubt, dass sie wiegen.

Eigentlich handelt es sich ja um Modelle (aus Holz, Polyester und silbriger Farbe), die erstaunlich "fertig" ausschauen. Als wären sie eh gegossen. Futuristische, zwittrige Maschinenwesen, Weintraubenroboter, Alienbabys, rätselhafte "Kultgegenstände". Warum hat ein von einem Strahlenkranz wie von einer religiösen Aura umgebenes Gefäß oben zwei Öffnungen? Damit zwei Leute gleichzeitig ins Mysterium hineinblicken können? (Gibt’s keine Gebrauchsanweisung?) Das brennende Kind auf dem Teller: Sciencefiction-Phantasie mit archaischem Opferritual? Die androgynen Genmonster tun mir auch richtig leid. Die Gegensätze (männlich/weiblich, Biologie/Technik) verschmelzen in diesem einzigartigen Werk eben zu unbehaglichen Kompromissen. (Zu Sex?) Im Oktober werden wir den unverwechselbaren Organismen des 2010 verstorbenen Carinthowieners bestimmt da und dort am Wiener Messegelände begegnen. Denn eine Viennafair ohne Gironcolis ist wie ein Darm ohne E. coli: Da tät was fehlen.

- © Yantra - Fotolia
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Galerie Thoman
(Seilerstätte 7)
Bruno Gironcoli, bis 5. Oktober
Di. - Fr.: 12 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr

Keine Marzipanik auf der Titanic!

(cai) Begeht die grad Selbstmord durch eine Überdosis Kalorien? Noch dazu öffentlich. Im Schaufenster. Zumindest ist sie total high vom Zucker. (Kalorien - klingt eh wie eine Droge. Wie Kokain.) Nein, ich hab nicht beim Fenster einer Konditorei reingeschaut. Vielmehr bei der Passagegalerie am Spittelberg. Die besteht eigentlich nur aus Auslagen.

Kinder in der "Warum ist die Kurve krumm?"-Phase hätten da sicher Fragen. ("Warum ist die dicke Tante nackert?" - "Weil sie in kein G’wand mehr reinpasst." - "Und warum hat sie Ballettschuh an?" - "Weil sie nimmer zu den Fussis runterkommt, um die Schuchis auszuziehen.") Die ansteckend fröhliche, adipöse Puppe, die graziös schwabbelt und sich mit gehäkelten Törtchen vergnügt, heißt aber nicht Diabetty (nach der Zuckerkrankheit). "Anna und das süße Buffet" nennt Helga Petrau-Heinzel die sinnlich böse Installation. Das wurde also aus der leichtfüßigen Elevin der TV-Serie "Anna" von 1987: eine Bladerina. Und was wurde aus . . . dem Marzipanschweinchen?

Den Glücksbringer hat die Künstlerin völlig neu interpretiert. Sieht jetzt aus wie aus einem Splatterfilm. Wie aus "The Demel Chainsaw Massacre". Petrau-Heinzel, die vormals die Auslage der k. u. k. Hofzuckerbäckerei Demel mit originell inszeniertem Marzipan versüßt hat, hat sich Organe vom Schwein besorgt (die sind so menschlich), hat sie mit schockierendem Realismus aus Marzipan nachgebildet und dann lustvoll aufgetischt. Für eine Transplantationsmediziner-Tagung? (Organe zur freien Entnahme!) Mit Ratten, die sich übers barocke Vanitas-Stillleben hermachen. Das Tablett auf dem Boden mit Essensrestln und vollem Aschenbecher ist sowieso ein Meisterwerk der Täuschung. Das Semmerl (auch bemaltes Marzipan) ist eindeutig letschert. Hat da einer nicht aufgegessen, weil er kurz Zigaretten kaufen gegangen und nie mehr wiedergekehrt ist? Ganz schön makaber.

Spittelberg Passagegalerie
(Spittelberggasse 3 u. 12)
Helga Petrau-Heinzel
Bis 30. September
Täglich 0 - 24 Uhr