• vom 29.10.2013, 15:46 Uhr

Kunst

Update: 30.10.2013, 12:54 Uhr

Albertina

Film auf Papier




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die Albertina zeigt mit Sonja Gangl erstmals die Solo-Show einer Frau

Sonja Gangl hat als erste Gegenwartskünstlerin eine Soloshow in der Albertina - und das neben Georg Baselitz. Ihre teils großformatigen Zeichnungen setzen sich aber nicht expressiv, sondern konzeptuell mit anderen Medien auseinander: mit Film und Fotografie, die sie zeichnerisch weiter verarbeitet und wiederverwertet, aber mit einem Fokus auf die sich rasend verändernde Technik und die damit verbundenen Wahrnehmungsprozesse. Sie tätigt den Medientransfer des Filmstills ohne Sentimentalität. Scheinbar unpersönlich strichelnd, konzentriert, in Isolation von der Außenwelt, holt sie sich die Ausschnitte fotorealistisch in Nahsicht heran.

Sonja Gangl nimmt in ihren Arbeiten, etwa in "Murder She Said", Maß an Filmstills.

Sonja Gangl nimmt in ihren Arbeiten, etwa in "Murder She Said", Maß an Filmstills.© Bild: Gangl Sonja Gangl nimmt in ihren Arbeiten, etwa in "Murder She Said", Maß an Filmstills.© Bild: Gangl

Die monumentale Abschiedszene eines Paares "Captured on Paper_the End_1000, 2005" war schon in einer Gruppenausstellung Antonia Hoerschelmanns über die rezenten Ankäufe nach 1970 für die Sammlung der Albertina zu sehen. Direktor Klaus Albrecht Schröder wählte nun als Kurator die dazugehörigen Blätter aus sowie die 2013 entstandene Serie "Captured on Paper_eyes". Die Schritte zwischen zwei Zeichnungen mit Fotoapparat oder Video schließen zwei Medien mit ein, die Gangl neben der Zeichnung künstlerisch einsetzt, doch auf diese wird hier zugunsten einer reinen Zeichnungsausstellung über die "post-kinematografische Zurichtung unseres Blicks" (Rolf Sachsse) verzichtet.


Blicke, Wahrnehmung und das Sich-Wiederfinden in Betrachtung der dunklen Iris fängt auch als Spiegelungen die Figur der Künstlerin im umgebenden Raum mit ein. Der Effekt ist seit Jan van Eycks Wiederaufnahme der Antike bekannt. Die Ambivalenz der Gefühle spielt Gangl an uns zurück: Wir erfahren hier nur, ob es die Augen aus Filmen wie "Psycho" (Alfred Hitchcock) oder die ihrer Freundinnen sind. Das Übertragungskonzept in dieser Re-Analogisierung des Filmbilds, der Verdoppelung eines Stills, wird im Fall von Luis Buñuels "Ein andalusischer Hund" zum Wiedererkennungseffekt. Doch es ist bei Gangl der Moment vor dem Schnitt ins Auge. Nicht die Sensation ist ihr Interesse, sondern der Objektcharakter der Bilder, die neuen industriellen Standardgrößen und ihre Abweichungen durch Digitalisierung.

Information

Ausstellung
Sonja Gangl.
Dancing with the End
Klaus Albrecht Schröder (Kurator)
Albertina
Bis 19. Jänner

Finale Buchstabenbilder
Das gilt noch mehr für die vor allem in den achtziger Jahren aussterbende finale Creditline mit dem Wort "Ende" in alten Filmen. Die Überfrachtung anderer Credits hat diesen Moment zwischen Film und Hinausgehen aus dem Kino, der durch das Anhalten der Bilder ein spannendes Übergangsritual darstellt, völlig verdrängt. Gangl holt ihn zurück und macht ihn bewusst zum dialektischen Angelpunkt der Zuschauer, paradox wie die grundsätzliche Doppelbödigkeit vom Buchstaben als Bild, in ihrer Verarbeitung der gestoppten Erzählung bekannter Filme von Jean-Luc Godard, Federico Fellini oder Stanley Kubrick. 1976 hat Roland Barthes darüber geschrieben, auch die Wahrnehmungsfragen eines Maurice Merleau-Ponty sind von akuter Aktualität und daher von der Künstlerin, bewusst oder unbewusst, in ihr Blickarchiv integriert.

In manchem erinnert ihr kühler und doch virtuoser Blick, der in einem zweiten Schritt nach filmischer Neuaufnahme der Zeichnung bewusst unscharfe finale Buchstabenbilder wiedergibt, an die unvergessenen Arbeiten von Walter Obholzer (1953-2008). Schröder vergleicht ihre konzeptuellen "Close-ups" international mit Robert Longos minimalistischen Übertragungen von Fotos in das Medium Zeichnung. Auch Gangl gelingt die Bewahrung sinnlicher Aspekte des Mediums Zeichnung mit ihrer im Breitwandformat ausholenden Geste der Entschleunigung, und das trotz der Eliminierung von Stimmung im gewohnt romantischen Gefühlskanon.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-10-29 15:50:04
Letzte Änderung am 2013-10-30 12:54:25


Bildende Kunst

Zenita Komad

Geboren 1980 in Klagenfurt; 1996 Hochschule für Angewandte Kunst, Wien, Bühnenbild/Graphik; 1998 Akademie der Bildenden Künste, Wien... weiter




Bildende Kunst

Eva Gruber

Geboren 1963 in Neunkirchen, Studium der Germanistik und Anglistik an der Uni Wien, 2007 Leiterin der Presse & PR-Abteilung, erst für den Böhlau-... weiter




Bildende Kunst

Max Bühlmann

Geboren 1956 in Rickenbach, Luzern, Schweiz; Schule für Gestaltung, HGK, Luzern; Akademie der bildenden Künste Wien; zahlreiche Einzelausstellungen... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Euryanthe" als packendes Kammerspiel
  2. Die neue Einstimmigkeit
  3. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  4. "Signale 18": Ein Pro zum verbindenden Contra
  5. Eine wunderbare Reise zu den Ursprüngen von Jethro Tull
Meistkommentiert
  1. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  2. Die neue Einstimmigkeit
  3. Eine wunderbare Reise zu den Ursprüngen von Jethro Tull
  4. Zappas illustres Erbe
  5. Ozzy Osbourne wird 70:
    Der Mann, der Tieren den Kopf abbiss


Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung