Wien/München. Die Nazis gingen kurz nach der Machtübernahme in Deutschland 1933 daran, Kunst und Kultur ihren völkischen Idealen unterzuordnen. Ab September 1933 bestimmte die Reichskulturkammer unter Joseph Goebbels, wer künstlerisch tätig sein durfte - also keine "Nicht-Arier". 1936 kam es zum totalen Verbot jeglicher Kunst der Moderne, hunderte Kunstwerke, vor allem aus der Malerei, wurden aus Museen entfernt und konfisziert. Am 19. Juli 1937 wurde in München die Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet - um den Deutschen zu zeigen, wie Hitler seine "sittliche Staats- und Kulturidee" eben nicht meinte.

Die "Sumpflegende" von Paul Klee: sogenannte "entartete Kunst", die Hildebrand Gurlitt um 500 Schweizer Franken von einer jüdischen Familie erwarb. - © Städtische Galerie im Lenbachhaus
Die "Sumpflegende" von Paul Klee: sogenannte "entartete Kunst", die Hildebrand Gurlitt um 500 Schweizer Franken von einer jüdischen Familie erwarb. - © Städtische Galerie im Lenbachhaus

Max Beckmann, Lovis Corinth, Georg Grosz, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Max Pechstein - die berühmten Expressionisten galten unter den Nazis als krankhaft, geisteskrank und Nichts-Könner.

Die Stunde der Experten ohne Gewissen

Und doch wussten sie um den Wert der Werke, die sich teilweise auch in Sammlungen jüdischer Bürger befand. Tausende von Bildern wurden beschlagnahmt, und - vor allem - über die Schweiz verkauft. Der größte Kunstraub der Geschichte nahm seinen Anfang, es war auch die Stunde der als Experten unverzichtbaren Kunsthändler. Unter ihnen auch Wolfgang und Hildebrand Gurlitt. Zweiterer war der Vater jenes Cornelius Gurlitt, in dessen Münchner Wohnung 2011 1500 dieser angeblich im Dresdner Feuersturm verbrannten Meisterwerke vom deutschen Zoll gefunden wurden. Wolfgang Gurlitt, der später in Linz die "Neue Galerie" (heute Lentos) gründete, war sein Onkel. Dieser sensationelle Fund, der am Wochenende über das Magazin "Focus" publik wurde, rüttelt an den Grundfesten der Provenienzforschung, die sich mit dem Verbleib von Kunstwerken beschäftigt. "Zu den Händlern ,Entarteter Kunst‘ gehörten Hildebrand und Wolfgang Gurlitt.

Tief in Geschäfte mit Raubkunst verstrickt

Im Dritten Reich waren beide Cousins - die nach den Nürnberger Rassengesetzen als "Vierteljuden" galten - "über die Abwicklung der ,Entarteten Kunst‘ hinaus tief in Geschäfte mit sogenannter Raubkunst verstrickt", schreibt die Forschungsstelle "Entartete Kunst" der Freien Universität Berlin. Dort arbeitet die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, die seit 2011 den Münchner Fund in aller Stille aufarbeitet. Auch die Münchner Behörden sagen dazu wenig. "Ich denke, die Deutschen suchen nach weiteren Kunstwerken", sagte ein Kunsthändler zur "Wiener Zeitung". "Offensichtlich ist ja nicht alles zerstört worden."

Und dieses Interesse konzentriert sich auf die damaligen Aktivitäten von Wolfgang und Hildebrand Gurlitt. Letzterer war "Chefeinkäufer" des "Sonderauftrag Linz". Hitler, in Leonding bei Linz aufgewachsen, wollte aus Linz eine arische Musterstadt machen, Führermuseum inklusive. Vier Kunsthändler, die dafür nach 1945 nie belangt wurden, sammelten Kunstwerke, die Hitlers Geschmack entsprachen. Dabei wurde gestohlen, gekauft und getauscht. Die beiden Gurlitt-Cousins kauften und vermittelten "entartete Kunst", um mit dem Erlös dem arischen Ideal stärker entsprechende Kunstwerke zu erwerben. "Ich nehme an, die beiden haben NS-Behörden auch gelegt und fingierte Rechnungen gestellt", sagte der Historiker vom Wien Museum, Michael Wladika, der sich mit Wolfgang Gurlitt näher beschäftigte. Während sein Cousin Hildebrand engen Kontakt mit den institutionalisierten NS-Kunsträubern pflegte, galt Wolfgang Gurlitt bei den Nazis als gelitten, aber unzuverlässig.

Sein Vater Fritz Gurlitt, dessen Mutter Jüdin war, baute einen renommierten Kunsthandel auf. Fritz Gurlitt war der wichtigste Händler der deutschen Künstlergruppe "Die Brücke" - sie galten den Nazis allesamt als entartet. Es ist gut möglich, dass die Familie Werke dieser Künstler in eigenem Besitz vor den Nazis verbarg.

Beide waren wohl keine glühenden Hitler-Anhänger und liebten moderne Kunst. Doch sie wussten mit den Machthabern und -verhältnissen Geschäft zu machen. Hildebrand Gurlitt erwarb persönlich Paul Klees "Sumpflegende" - um 500 Schweizer Franken von einer jüdischen Familie. Wolfgang Gurlitt mit seiner Kunsthandlung in München wiederum nutzte seine internationalen Kunsthandels-Kontakte, um sich bei den NS-Behörden einzuschmeicheln. Im September 1943 bekam er vom damaligen Leiter des "Sonderauftrag Linz", Hermann Voss, die Genehmigung nach Straßburg zu reisen, um dort für das Führermuseum tätig zu werden. Mit diesem Schreiben konnte er erwirken, von der NS-Landesleitung der bildenden Künste in Berlin eine Reisegenehmigung für das gesamte Elsass zu bekommen. Er nutzte - so Gurlitt-Experte Wladika - die Reise auch, um auf eigene Rechnung günstig Bilder zu erstehen. Dass ihm der Chef dieser Berliner Landesleitung, Artur Schmidt, auch finanziell aus der Patsche half, indem er dem offiziell verschuldeten Gurlitt einen Vergleich mit der Dresdner Bank einfädelte, passt ins Bild. 1940 kaufte Wolfgang Gurlitt eine Villa in Bad Aussee, vielmehr seine Frau und seine Ex-Frau, die beide freundschaftlich verbunden waren. Und auch "Sonderauftrag Linz"-Chef Hermann Voss, für den auch sein Cousin Hildebrand arbeitete, war dabei behilflich. Bis 1943 wurden unzählige Kunstwerke von Gurlitt privat ins Ausseerland gebracht.

Was haben Bombenangriffe tatsächlich zerstört?

Im November 1943 wurden Galerie in München und Lagerräume in Berlin durch Bombentreffer vernichtet. Er richtete sich danach eine Galerie in Würzburg ein, die 1944 und 1945 ebenfalls durch Bomben zerstört wurde. Nach Gurlitts Angaben wurden dabei 2000 Gemälde und 20.000 Zeichnungen vernichtet. Da 2011 bei dessen Neffen 1500 Gemälde aufgetaucht sind, die angeblich in der Bombennacht von Dresden verbrannten, könnte es sein, dass die deutschen Behörden in aller Stille nach weiteren Bildern suchen. Hildebrand Gurlitt starb 1956 bei einem Verkehrsunfall, sein Cousin Wolfgang verstarb 1965. Da beide von den Nazis als "Vierteljuden" kategorisiert waren, blieben ihnen nach 1945 genaue Befragungen erspart.