• vom 05.11.2013, 17:35 Uhr

Kunst

Update: 06.11.2013, 11:48 Uhr

Raubkunst

1406 Meisterwerke




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Von Christoph Irrgeher

  • Staatsanwaltschaft gibt Details zum Münchner Kunstschatz preis - Erben wollen das Konvolut prüfen lassen
  • Behörden gehen davon aus, dass Gurlitt keine weiteren Depots hatte.

Ans Licht gekommen sind nun auch bisher unbekannte Werke des deutschen Künstlers Otto Dix, links ein Selbstporträt. Sie wurden bei der Pressekonferenz in Augsburg an die Wand projiziert. - © reuters

Ans Licht gekommen sind nun auch bisher unbekannte Werke des deutschen Künstlers Otto Dix, links ein Selbstporträt. Sie wurden bei der Pressekonferenz in Augsburg an die Wand projiziert. © reuters

München.Seit Dienstag ist die Sensation offiziell. In einer Münchner Wohnung haben Behörden einen wahren Schatz sichergestellt: 1406 Werke wurden entdeckt, überschattet von Raubkunstvorwürfen, geschaffen von Lichtgestalten der Kunstwelt. Werke von Picasso und Nolde sind ebenso darunter wie von Renoir, Beckmann, Matisse, Kokoschka. Dabei kamen auch unbekannte Arbeiten ans Licht, etwa von Dix und Chagall.

Ebenso spannend ist freilich, wie es zu diesem Kunstschatz und seiner Entdeckung kommen konnte. Das deutsche Magazin "Focus" hatte am Sonntag exklusiv berichtet: Die Werke seien bereits 2011 beschlagnahmt worden. Durch die Enthüllung unter Druck geraten, brach die Staatsanwaltschaft ihr Schweigen und gab am Dienstag eine Pressekonferenz in Augsburg.


Wie die Behörden erklären, kam der Fall 2010 durch eine Personenkontrolle ins Rollen: Ein Fahrgast in einem Schnellzug von Zürich nach München machte sich einer Steuerstraftat verdächtig. Dies führte zu einer Hausdurchsuchung in München-Schwabing, und zwar am 28. Februar 2012. Die Bilder seien dort, ebenfalls anders als kolportiert, fachgerecht gelagert gewesen. Seither beforsche die Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann den Schatz. Gegen den offensichtlichen Besitzer wird wegen Unterschlagung und Steuerdelikten ermittelt.

Der Name dieses Mannes, der bei der Bahnfahrt angeblich mit großen Scheinen erwischt worden sein soll, wurde von den Behörden am Dienstag nicht genannt: Cornelius Gurlitt. Der heute fast 80-Jährige dürfte die Werke von seinem Vater übernommen haben. Dieser Hildebrand Gurlitt war in der NS-Zeit "Kunstverwerter": Er handelte mit den 1937 in allen deutschen Museen sichergestellten Werken "entarteter" Kunst, um dem "Reich" Devisen zuzuführen. Und: Er hatte Zugang zu allen Depots, in denen das Regime konfiszierte moderne Werke bunkerte. Zudem war Gurlitt damit beschäftigt, in Frankreich Bilder für das geplante "Führer-Museum" in Linz zu erwerben sowie Kunstwerke, für die Deutschlands Museen im Tausch ihre alten Meister an den Hitler-Kunsthort abtreten sollten. Nach dem Krieg hatte Gurlitt behauptet, seine Sammlung wäre im Bombenhagel verbrannt.

Kritik an Geheimhaltung
Fast 70 Jahre später stellt sich das Gegenteil heraus. Aber warum erst nach langem Schweigen der Entdecker? Einem möglichen Grund dafür entzogen die Behörden selbst die Basis: Sie glauben nicht, dass Gurlitt über weitere, noch auszuforschende Lager verfüge. Zwar hieß es bis Dienstag, Gurlitt habe noch nach der Hausdurchsuchung Max Beckmanns "Löwenbändiger" veräußert; laut den Behörden gab er das Werk aber schon davor außer Haus. Die Staatsanwaltschaft begründete ihre Diskretion damit, dass im gegenteiligen Fall die Ermittlungen und die Kunstwerke (deren Lagerort geheim bleibt) gefährdet worden wären.

Für dieses Vorgehen hagelt es Kritik. Erika Jakubovits von der Israelitischen Kultusgemeinde etwa findet es "skandalös, dass das entdeckt und nicht darüber gesprochen wurde". Zudem tadelt sie - wie der Sammler Peter Raue (siehe Kommentar Seite 26) -, dass nur eine einzige Expertin mit der Beforschung eines solchen Berges betraut wurde. Diese Arbeit ist unbestritten enorm wichtig: Nicht in jedem Fall lässt sich ein Rückgabeantrag stellen, erklärte die Anwältin Imke Gielen der "FAZ". Museen, denen Werke wegen der NS-Gesetze über "entartete Kunst" entzogen wurden, könnten nichts fordern. Im Sinn der Rechtssicherheit sei das Gesetz von den Alliierten nicht aufgehoben worden. "Personen, deren Familien in der NS-Zeit Kunstwerke wegen ihrer jüdischen Abstammung entzogen wurden", könnten dagegen sehr wohl Ansprüche geltend machen. Laut "Focus" sind bisher gut 300 Werke als Museumsstücke identifiziert worden, 200 finden sich in Suchlisten. Die Erben nach dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim haben bereits angekündigt, die Gurlitt-Sammlung prüfen lassen zu wollen. Sie waren bereits über die Versteigerung des "Löwenbändigers" informiert worden: Experten des Auktionshauses Lempertz fanden heraus, dass das Bild aus der Kunstsammlung Flechtheim stammte. Der Erlös der Auktion wurde wohl zwischen Gurlitt und den Erben aufgeteilt.

Lempertz ist zudem das einzige deutsche Auktionshaus, das bisher mit Gurlitt Kontakte gehabt haben will - und das auch nur einmal. Aus der Schweiz meldete sich unterdessen die Kunstgalerie Kornfeld: Sie bestreitet nicht, mit Gurlitt Kontakt gehabt zu haben, dies aber nur bis 1990. Damals hätte Gurlitt Werke verkauft, die vermutlich einst in deutschen Museen als "entartet" beschlagnahmt worden waren. Der Handel damit, so die Galerie, könne "auch heute nicht angefochten werden".




Schlagwörter

Raubkunst, Kunst

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-11-05 21:29:05
Letzte Änderung am 2013-11-06 11:48:06


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