Restitutionsforderungen wie jüngst beim Beethovenfries bewirken mitunter, unabhängig davon, ob sie berechtigt sind oder nicht, das Aufflammen längst überwunden geglaubter Feindbilder. - © apa/Schlager
Restitutionsforderungen wie jüngst beim Beethovenfries bewirken mitunter, unabhängig davon, ob sie berechtigt sind oder nicht, das Aufflammen längst überwunden geglaubter Feindbilder. - © apa/Schlager

"...und jetzt kommen sie, nehmen uns alles weg und lassen es versteigern. Aber wehe, das sagt einer laut." "Sie" - damit sind "die Juden" gemeint. Die Frau, die solches auf die Affären um Gustav Klimts Beethovenfries, die eben aufgefundene Gurlitt-Sammlung und Restitutionsforderungen sagte, ist 36, hochintelligent - und sie ließ nie antisemitische Vorurteile erkennen. Ob jemand Jude ist, nahm sie als lediglich unverbindlich und emotionslos als Teil von dessen Biografie wahr. Dennoch dieser Satz...

Er zeugt vom Keimen eines Feindbildes. Und das war und ist immer gefährlich. "Mit Feindbild wird im Allgemeinen ein negatives Vorurteil gegenüber anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien bezeichnet, das auf einer Schwarz-Weiß-Sicht der Welt (Dichotomie, Dualismus) beruht und mit negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen verbunden ist", definiert das Internet-Lexikon Wikipedia. Und macht deutlich, dass jeder, der einer wie auch immer zusammengesetzten Personengruppe angehört, durch diese Zugehörigkeit für einen anderen zum Feindbild werden kann.

Der Keim Vorurteil


Ohne Vorurteil kein Feindbild, wobei freilich nicht automatisch jedes Vorurteil in einem Feindbild gipfelt. Doch wer behauptet, frei von Vorurteilen zu sein, sagt die Unwahrheit. Das bedeutet, dass jeder, sobald die entsprechenden Umstände eintreten, ein Vorurteil entwickeln kann.

Ein Beispiel, bewusst anhand eines Randthemas: 1965 drehte Stanley Kramer den Film "Das Narrenschiff", der, nach der Romanvorlage von Katherine Anne Porter eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft schildert, die, knapp vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, auf der Überfahrt von Vera Cruz nach Bremerhaven ist. Unter den Passagieren befindet sich ein antisemitischer Verleger und der Jude Lowenthal (ausgerechnet vom NS-Günstling Heinz Rühmann gespielt). Auf eine Tirade des Verlegers, dass an allem die Juden schuld seien, sagt Lowenthal: "Die Juden und die Radfahrer." - "Wieso die Radfahrer?" - "Wieso die Juden?" Was als groteske Überspitzung verstanden wurde, ist heute längst zu einem der gängigen Feindbilder geworden. Zwar nicht vergleichbar (nicht einmal ansatzweise) mit dem Schicksal der Juden, bei dem die Shoah nur den grausamen Höhepunkt einer jahrtausendelangen Verfolgung bildet - doch dass Radfahrer, speziell in Wien, zum Feindbild geworden ist, kann man nahezu täglich kleinformatigen Kauf- und Gratisblättern entnehmen. Längst sind an allen unglücklichen Verkehrsplanungen die Radfahrer schuld, deren Rücksichtslosigkeit als geradezu zweiradsymptomatisch empfunden wird. Minderheit (eben die Radfahrer) trifft auf generalisierendes Vorurteil (alle rücksichtslos) - fertig ist das Feindbild.

Hinterfragtes Existenzrecht


Wobei ein solches oft auch gezielt entwickelt wird, denn seit alters her wird mit Feindbildern große wie kleine Politik gemacht. Über das Feindbild nämlich lässt sich die moralische Wertung ausschalten, was jeder Krieg beweist: Nimmt man das Gegenüber als Familienvater wahr, der für seine Frau auch mal einkaufen geht, sich, wie man selbst, an der Kassa anstellt und vielleicht mit dem Personal ein paar nette Worte wechselt, muss man ein Psychopath sein, ihn zu töten. Das funktioniert nur, wenn man ihn als anonymisierten Feind begreift, der eigentlich kein gleichberechtigtes Lebewesen ist.

Wenn, laut dem griechischen Geschichtsschreiber Plutarch, Cato der Ältere beharrlich forderte: "Ceterum censeo Cartaginem esse delendam" (außerdem meine ich, Karthago muss zerstört werden), so baute er die nordafrikanische Stadt ebenso beharrlich zum Feindbild auf, wie es rund 2080 Jahre später die nationalsozialistische Rhetorik mit den Juden machte. In beiden Fällen waren Vorurteile vorhanden, in beiden Fällen ging es darum, das Gegenüber in einer Gruppe zusammenzufassen und sie ohne Individualisierung sukzessive allen Vorurteilen zu unterwerfen und ihr schließlich das Existenzrecht abzusprechen. Als George W Bush am 29. Januar 2002 die Staaten Irak, Iran und Nordkorea als "Achse des Bösen" bezeichnete, stellte er sich in diese unrühmliche Tradition der Erzeugung von Feindbildern, um politisches Kapital zu schlagen.

Etwas Ähnliches erlebt man als Österreicher seit geraumer Zeit in jedem Nationalratswahlkampf. Dann nämlich, wenn seitens der FPÖ "die Ausländer" (mit der kuriosen, aber aus historischen Gründen nicht wirklich überraschenden Ausnahme "der Serben") als gesichtslose Feindmasse herhalten müssen. Selbst das christliche Gebot der Nächstenliebe wird dann verbogen: Ganz entgegen der christlichen Auffassung, der zufolge "der Nächste" "der Bedürftige" ist, der ethnisch und religiös durchaus "der Entfernteste" sein kann, mutiert "der Nächste" zum "der zum eigenen Volk Gehörige". Was nur eine andere Formulierung desselben Inhalts ist, denn wenn an die Stelle der Ausländerbenachteiligung die Inländerbevorzugung tritt, ändert sich nur die Rhetorik, nicht das Faktum. (Dass irregeleitetes Christentum ebenso wie die meisten anderen Religionen virtuos Feindbilder entwarf, um knallharte eigene Interessen zu vertreten, sei dabei nachdrücklich angemerkt.)