Sarah Lucas präsentiert mit "Nob" Skulpturen und Fotografien in der Secession. - © Wolfgang Thaler
Sarah Lucas präsentiert mit "Nob" Skulpturen und Fotografien in der Secession. - © Wolfgang Thaler

Die 1962 in London geborene Sarah Lucas ist als eine Hauptvertreterin der Young British Artists vielbeschäftigt am globalen Ausstellungsparcours unterwegs. Der "Wiener Zeitung" erzählt sie von ihren rezenten Beiträgen für die Biennale in Venedig, die renommierte Whitechapel Art Gallery in London und zum 100. Geburtstag des Komponisten Benjamin Britten in Suffolk, wo sie in dessen Umfeld lebt und arbeitet. Dazu kommen Manchester, New York und die Vorbereitung einer Museumsschau in Glasgow. Nach Wien bringt sie ihre bekannten Skulpturen und Fotografien unter dem Titel "Nob", der Knauf, Griff, aber umgangssprachlich auch Rübe, Penis und Volltrottel, zum "Knob" erweitert die Nippel der Brust bedeutet. Sie bespielt den Hauptraum der Secession nicht allein: Einmal mehr nach 2011 in der Kremser Kunsthalle hat sie Gelatin eingeladen, im (kunst-)geschichtsträchtigen Raum mitzuagieren.

Phallus als Kürbis


Lucas liebt Wortspiele aus der Alltagssprache und deren Vieldeutigkeit, dazu scheinbar banale Bildsymbole - ihr Doppelphallus in Betonguss wirkt wie zwei große Kürbisse aus Bronze als Zeiger in alle Richtungen. Auf Autowrackteilen als Sockel verdoppelt und einmal stürzend gelagert, gerät seine Stärke aus der Balance. Der niedrigen Angeberei der Züchtung von größten Früchten und "mother’s little helper" aus dem Pornoshop steht der phallische Stolz der Antike gegenüber. Als Machogeste entlarvt sind die Tabubrüche der Avantgarden, dabei der skandalöse Beethovenfries Gustav Klimts in eben diesem Raum 1903, auf den Lucas mit den hybriden Prothesen des Realen reagiert. Die Künstlerin mag das nackte Huhn am Sockel des hellenistischen Dionysosaltars in Delos mit Phalluskopf und die Tatsache, dass sie als Frau den maskulinen Part annehmen oder im Androgynen verbleiben kann. In Brittens Geburtstagsschau im Sommer war der Doppelphallus Anspielung auf seine Homosexualität, die unter der Decke der Verschwiegenheit auftaucht; hier wird die Ambivalenz von sozialer Sprengkraft der Kunst und Kritik an der Glorie männlicher Schöpferkraft sichtbar.

Sachlich und ironisch


Doch geschieht dies sachlich konkret, der Ironiefaktor verhindert jeglichen moralischen Unterton. Ihre eigene postfeministische Haltung, keinen weiblichen Körperbezug einnehmen zu müssen, demonstriert sie mit dem Hang zum Abjekten (Julia Kristeva), das den Ekel, das Fremdsein und die Vergänglichkeit beider Geschlechter spiegelt. Auf einer schrägen Wand bis zur Decke zeigt sie fragmentierte Selbstbildnisse; die nackten Brustwarzen lugen aus dem zerrissenen T-Shirt, wie zuvor im Sigmund-Freud-Museum London zu sehen, der bloße Hintern unter einem T-Shirt über ihrem Rücken trägt die Aufschrift "Complete Arsehole". Als androgyne, vor allem in Barock und Romantik beliebte, unbestimmbare Rückenfigur erinnert sie mit den Fototapeten an die Ära von Pop und Fluxus, etwa den Film "Bottoms" von Yoko Ono. Das Hinterfragen der männlichen Geste mit derAufschrift am T-Shirt entstand im Duo mit Tracey Emin während einer sechsmonatigen Kollaboration im "Store" 1993, als sie in ständiger Anwesenheit Kunst ohne Galerie und Museum produzierten und selbst verkauften.