Anna Artakers Rekonstruktion der Gemäldesammlung von den Wiener Rothschilds. - © H. Hurnaus
Anna Artakers Rekonstruktion der Gemäldesammlung von den Wiener Rothschilds. - © H. Hurnaus

Es waren etwa 400 Gemälde alter Meister aus ganz Europa, die in den Palais der Barone Albert und Nathaniel Rothschild im Wiener Belvedereviertel in Petersburger Hängung die Wände füllten - alles vom Feinsten, von Hans Holbein über Frans Hals, François Boucher, Jacob Ruisdael bis Francesco Guardi, Jacopo Tintoretto, George Romney und Friedrich von Amerling. Etwa ein Viertel des Bestands hat die Künstlerin Anna Artaker mit Hilfe einer Dissertation und durch neue Bild-Recherchen rekonstruiert - die Werke sind heute über die Museen der ganzen Welt zerstreut. Viele Werke in Privatbesitz lassen sich nach der Versteigerung bei Christie’s in London 1999 derzeit nicht ausfindig machen.

Die Wiener Rothschilds


Die Geschichte des Wiener Zweigs der Familie Rothschild ist eng mit der Arbeiterkammer verbunden, stehen doch deren Amtsgebäude und Lehrlingsheim an Stelle der 1950 und 1955 abgerissenen Palais. Sie wurden 1938 durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und zynischerweise als Zentralstelle für Jüdische Auswanderung sowie für den Geheimdienst (Sicherheitsdienst der SS) und am Ende des Krieges durch die Post genutzt. Louis Rothschild wurde verhaftet, um bis 1939 von den im Ausland befindlichen Verwandten so viel Geld, Immobilien und Kunstschätze als möglich für seine Ausreise zu erpressen. Damit konnte sich die Behörde von Adolf Eichmann einen Großteil des Vermögens und die wertvolle Kunstsammlung aneignen. Manches war danach für das Führermuseum in Linz vorgesehen.

Nachdem die Palais im Sowjetsektor Wiens nach reparierten Bombenschäden auch noch ausgeplündert wurden, hat die Familie sie nach der Restituierung um sieben Millionen Schilling an die Republik verkauft. Ein böser Zufall am Rande: Louis Rothschild wurde am Tag der Sprengung seines Palais 1955 nach einem Badeunfall in Jamaika bestattet.

Die Restitution der wertvollen Gemälde an die Erben nach Alphonse Rothschild klappte erst spät, das Ausfuhrgesetz von 1918 verpflichtete noch 1945 eine "Schenkung" an die Republik, 1999 gingen vorläufig 224 Objekte an Bettina Looram-Rothschild, die als Einzige nach Wien zurückkehrte.

Sachliche Erinnerung


Für Anna Artaker ist die spannende Geschichte der Gemäldesammlung am Ort ihrer Ausstellung Anlass zu einem sachlichen Erinnerungsbeitrag. In sechs Teilen werden die Reproduktionen der Gemälde mit darunter vermerktem Verbleib, je nach Zugriffsmöglichkeit auf deren Abbildungen in Schwarzweiß und in Farbe, in Originalgröße auf Tapetenpapier an der Wand präsentiert. Die Geste ist minimalistisch, fast kunstlos, will sich neben der künstlerischen Forschung ambivalenten Aussagen öffnen: Kunst als Distinktionsmerkmal der Oberschicht - Louis Rothschild ist da als Kunsthistoriker und Banker sehr gut mit der Familie Warburg in Hamburg zu vergleichen, aber auch Kunst als Spiegel sozialer Veränderungen - gerade die Holländersammlung weist auf die Revolution des bürgerlichen Zeitalters.

Natürlich geht es vorrangig um eine intensiv wirkende, erste visuelle Auseinandersetzung mit dieser kunstsinnigen Bankiersfamilie, die das kulturelle Leben in Wien auch weit über 1938 hinaus hätte weiter mitbestimmen können.