Kleines Mädchen mit Löwenzahn, um 1935. - © ÖNB/FotografIn unbekannt
Kleines Mädchen mit Löwenzahn, um 1935. - © ÖNB/FotografIn unbekannt

Es könnte sein, dass die heutige Kinder-Generation einmal recht schlecht dokumentiert sein wird. Denn im Zeitalter der Bilderflut genügt ein Klick, und schon sind die Bilder weg. Einmal in den Papierkorb gezogen, und fort ist das Foto aus dem Archiv. Handy gestohlen – zwei Jahre Alltagsfotografie auch. Neue Softwaresysteme, kaputte CDs – und schon sind die Porträts der Lieben nicht mehr konvertierbar oder nicht lesbar und für immer verloren.

Ein Fotoalbum ist etwas anderes. Man trägt es zwar nicht stets bei sich wie das Handy, doch dafür wird selten eines gestohlen. Egal wie alt das Album ist, die Bilder verjähren nicht. Denn sie sind ein Geschenk des Moments an die Erinnerung und altern mit uns. Das Aufregendste und Verwirrendste an eine Fotografie ist doch, dass sie einen Moment für die Ewigkeit bewahrt, der sich niemals wiederholen lässt, bringt Modedesigner Karl Lagerfeld das Phänomen auf den Punkt. Die Beschäftigung mit einem Fotoalbum ist eine Art der Beschäftigung mit dem selbst, dem eigenen Leben und dessen Verlauf.

"Strom der Erinnerung"


"Ab etwa 1920 durfte das Fotoalbum in keiner gutbürgerlichen Familie fehlen", sagt Johanna Rachinger, Chefin der Österreichischen Nationalbibliothek: "Gerne fotografierte man Kinder, um ihre Unbekümmertheit darzustellen. Im Verlauf der Zeit wuchsen die Kinder heran, wurden älter, und ihre Fotos ließen die Betrachter erkennen, dass sie selbst nicht mehr dieselben waren. Bilder, so wie Gerüche, ziehen uns in einen Strom der Erinnerung."

Anhand von Kinderbildern aus 1860-1975 zeigt die Nationalbibliothek mehr als 100 Jahre österreichische Zeitgeschichte und somit ein Stück kollektiver Erinnerung. Viele Fotos werden zum ersten Mal präsentiert. In den Vitrinen des Punksaals sind Fotos zu sehen, die den Umgang mit Kindern, ihr Leben und Leiden im Lauf der Jahrzehnte deutlich machen. Betrachter fühlen sich aber auch ein Stück weit an ihre eigene Kindheit erinnert, oder an jene der Eltern oder der Großeltern und an Zeiten und Umstände, die sie aus Erzählungen kennen.

Die Idee kam den Kuratorinnen Michaela Pfunder und Margot Werner durch die Arbeit an einer Ausstellung für den Sammler Raoul Corti, der viele Kinderbilder sammelte. "Es gibt tausende Kinderfotos. Die Auswahl war nicht leicht zu treffen", betont Pfunder.

Heraus kam eine Gliederung nach Jahrzehnten, beginnend mit Kronprinz Rudolf auf einem Spielzeugpferd, in Oberstuniform, in ungarischer Tracht oder mit seinem Vater in Jagdkleidung. Nur ein einziges Bild der "Allerhöchsten Kaiserfamilie" ist zu sehen, die einzige bekannte Fotografie, auf der Kaiserin Elisabeth mit ihrem Ehemann und ihren Kindern Rudolf und Gisela abgebildet ist. Aus der gleichen Epoche stammen romantisierende Lichtbilder von arbeitenden Kindern, die keinen realen Eindruck vom tatsächlichen Elend der Kinderarbeit vermitteln, sowie Familienbilder, jedoch keine von Kindern im Kinderzimmer. Fotografie war zu teuer, um den Alltag abzulichten.

Reise durch die Zeit


Mit dem Aufkommen von kleineren Fotoapparaten auch für Amateure sind ab den 1920er Jahren auch Arbeiterkinder, Kinder in Elendsquartieren oder rachitische Kinder dokumentiert. Reportagefotos im sozialdemokratischen Magazin "Kuckuck" zeigen, wie die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre die Kinder traf, die in beengten Räumen aufwachsen mussten. Zwölfjährige Buben, die ohne ihre Eltern ins Ausland oder aufs Land verschickt wurden. Buben, die in der Hitlerjugend Holzgewehre schwingen, im Glauben, es sei nur ein Spiel. Der Zufallsfund eines kleinen Mädchens, das in einen Löwenzahn bläst. Kleinkinder auf Töpfchen, um das Bemühen um Reinlichkeit in den 1950er Jahren zu verdeutlichen.

"Kinder, wie die Zeit vergeht!" gewährt nicht nur Einblick in die Geschichte der Fotografie. Sondern die Ausstellung vermittelt auch die laufenden Veränderungen im gesellschaftlichen Umgang mit Kindern, der den fotografischen Blick teils beeinflusst. Es ist keine große, aber eine sehr reiche Ausstellung. Kinderaufsätze und -zeichnungen verdichten die Reise.