Der Entdecker des Clair-Obscur? Ugo da Carpis "Der wunderbare Fischzug". - © Albertina Wien
Der Entdecker des Clair-Obscur? Ugo da Carpis "Der wunderbare Fischzug". - © Albertina Wien

Für uns sind sie eher monochrom in Rot oder Grün mit Grau, aber in der Renaissance war die Weiterentwicklung des Holzschnitts mit mehreren Farbplatten eine Revolution der Drucktechnik. Plötzlich wurden die Sujets farbig, somit malerisch und durch den verstärkten Helldunkelkontrast tiefenräumlich; jeder Künstler wollte daher der Entdecker des Clair-Obscur sein, jeder Verleger die neue Technik anbieten. Erfunden hat das neue Verfahren der Dürerkreis mit Hans Burgkmair oder Lucas Cranach, der Italiener Ugo da Carpi behauptete kurz darauf in Venedig, der Erste gewesen zu sein.

Carpi und die Künstler aus der Raffaelschule, die Manieristen, sowie später Andrea Andreani, entwickelten die Technik ab 1520 in Richtung eines expressiven Ausdrucks weiter, indem sie die schwarz-weiße Platte nach der Zeichnung wegließen und die Kanten oft nicht mehr exakt übereinander druckten. Zuletzt wurden Druckplatten von Andreani bis zum Brechen der Holzstege benutzt und durch die Zugabe von Farbplatten verfremdet. Dabei setzte er sich, nahezu in postmoderner Weise, als neuer Autor über die Erfinder. Was einmal ein Makel war, nämlich der Verfall der Platte, wurde eine Innovation; nun gingen die Meister selbst und nicht nur ihre Schule ans Werk - so Domenico Beccafumi oder Francesco Mazzola, genannt Parmigianino.

Boomende Drucktechnik


Ein besonderer Könner der in ganz Europa boomenden Spätrenaissance-Technik stammt aus den Niederlanden und arbeitete für Kaiser Rudolf II. in Prag: Hendrick Goltzius. Viele außergewöhnliche Ergebnisse der speziellen Druckgrafik sind heute nur mehr in einem Blatt vorhanden und es gibt neben der Albertina eine Privatsammlung, die in der Ausstellung die Hälfte der Werke für diese Schau geliehen hat: die des Malers Georg Baselitz. Als Student begann seine Faszination, sie wurde durch eine Schau der Albertina über Parmigianino weiter angefacht und heute ist sein Bestand in manchen Exemplaren sogar überlegen. Das Interesse scheint kein Zufall, auch wenn es ihn anfangs als ehedem für alle erschwingliches Medium faszinierte. Die Möglichkeit der malerischen Paraphrase ist sein Metier.

Kopie oder echt war auch damals die Frage, wenn nach Albrecht Dürers "Rhinoceros" in Grün gedruckt wurde oder innovative Lösungen von Hans Baldung Grien kamen. Die Raffinesse der Spezialisten wie Giuseppe Vicentino übertrifft nur noch Andreani mit seinen Großformaten. Die oft nächtliche Stimmung vieler Blätter durch das Arbeiten aus dem Farbton macht den besonderen Reiz, vor allem wenn es sich um Hexen oder Heilige handelt. Goltzius hat sogar die Nacht selbst als eine nackte wie bekleidete Doppelfigur verrätselt - ein besonderes Exemplar der Sammlung Baselitz.