"Polo für Arme", nennt Thomas Feuerstein seine Kohlezeichnung aus 2013, die streikende Bergbauarbeiter zeigt. - © Thomas Feuerstein
"Polo für Arme", nennt Thomas Feuerstein seine Kohlezeichnung aus 2013, die streikende Bergbauarbeiter zeigt. - © Thomas Feuerstein

Wofür die Natur Millionen von Jahren benötigt, das erledigen Thomas Feuersteins Skulpturen in ein paar Stunden.

In der Ausstellung im privaten Kunstraum Bernsteiner, im zweiten Wiener Gemeindebezirk, mit dem bezeichnenden Namen "Futur II" beginnt der Transformationsprozess einer Chlorella Vulgaris, einer einzelligen Grünalge zu einer Skulptur mit dem Namen "Polpo". Der zentrale Körper dieser Skulptur aus Metall und Schläuchen beinhaltet eine Lichtquelle, die die Vermehrung der Algen vorantreibt, ebenso wie die durchsichtigen Tentakel (Schläuche), durch die Tageslicht auf die Organismen trifft. Durch weitere Kanäle gelangen die Grünalgen ins nächste Objekt, in dem sie einer hydrothermalen Karbonisierung zugeführt werden. Und am Ende dieser extrem beschleunigten Zeitreise gibt es Kohle. Kohle, die Thomas Feuerstein in der Folge für die Schaffung weiterer Kunstwerke verwendet. Aber nicht nur dafür.

Naturkunde meets Kunst


Für ihn steht der erdgeschichtliche Prozess, den er im ersten Teil der Ausstellung durch die beschriebenen Skulpturen transparent macht, sowohl für die Entstehung der Welt, die Entwicklung der Kultur als auch für die Probleme, mit denen die Menschheit heute zu kämpfen hat. Er bezeichnet den Prozess als "narrative Kraft der Alge". Diese Kraft hat Feuerstein in seiner Ausstellung auf verschiedenen Ebenen nachvollziehbar gemacht: In einem kleinen Laboratorium mit Algen-Eprouvetten zeigt er auf, wie häufig die Einzeller Verwendung finden, etwa in der Lebensmittelindustrie. Oder anhand einer Kohlezeichnung, die streikende Bergbauarbeiter zeigt, die von berittenen Polizisten niedergeprügelt werden. Das Werk betitelt Feuerstein sarkastisch, aber treffend mit "Polo für Arme".

Ebenfalls im zweiten Teil der Ausstellung sind Skulpturen aus Anthrazitkohle, die wie aus massiven Steinblöcken herausgeschält wirken, von Alltagsgegenständen, wie Bücher, Handnäh- oder Schreibmaschinen, zu sehen. Gegenstände, die davon bedroht sind, dass deren Ver- und Anwendung dem Vergessen anheimfallen. So können heute Jugendliche bei Gehörtests das Geräusch des Tippens auf Schreibmaschinen nicht mehr dem Gerät und dessen Gebrauch zuordnen.

Was auch dem Titel der Ausstellung passiert. Denn das "Futur II" wird in der deutschen Sprache nur mehr selten verwendet. Was vermutlich daran liegen mag, wie Feuerstein im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont, dass man sich in unseren widersprüchlichen Zeiten schwer tut, einen abgeschlossenen Vorgang in der Zukunft zu prognostizieren, also fast prophetisch zu agieren. Bei Feuersteins "Futur II" liegt jedoch die Versuchung nahe: Es wird eine ausgezeichnete Ausstellung gewesen sein.

Ausstellung

Futur II

Kunstraum Bernsteiner

2., Schiffamtsgasse 11

bis 24. Jänner

www.friendsandart.at