Krieg der Ratten: Deborah Sengl stellt Karl Kraus’ Kriegsdrama mit Ratten nach, im Bild: I. Akt, 7. Szene: Bei der Batterie. 1 Artillerieoffizier, 1 Feldkurat, 1 Journalistin. - © Deborah Sengl 2014, Mischa Nawrata, Wien
Krieg der Ratten: Deborah Sengl stellt Karl Kraus’ Kriegsdrama mit Ratten nach, im Bild: I. Akt, 7. Szene: Bei der Batterie. 1 Artillerieoffizier, 1 Feldkurat, 1 Journalistin. - © Deborah Sengl 2014, Mischa Nawrata, Wien

1915 bis 1922 schrieb Karl Kraus an seinem Stück "Die letzten Tage der Menschheit" und war damit eine Ausnahme unter bekannten Dichtern, da er den Ersten Weltkrieg ablehnte und die überhöhten Erwartungen bissig kommentierte. Er ließ den Volksmund und die Zitate der kriegshetzerischen Medien in sein Werk einfließen, um die Absurdität durch Ironie zu steigern. Hundert Jahre später kommentiert die Künstlerin Deborah Sengl mit einer Auswahl von 44 Szenen und drei größeren apokalyptischen Ensembles die für sie immer noch zeitgemäße Schrift mit einer Installation im Essl Museum. Weiße Ratten stehen für den Menschen und sind mit einem gezeichneten Zyklus kombiniert, nach dem ein Tierpräparator aus Köpfen, Pfoten, Schwänzen und Fellhülle der Tiere die Szenengruppen mit erarbeitete. Die Ratten werden für die Reptil- und Raubvögelzucht gebraucht, ihr Fleisch wurde verfüttert, und es kam zu keiner Extratötung für das Kunstwerk.

Das Band zwischen
Mensch und Tier


Wenn Tiere zu Menschenhandlungen aufgerichtet in kleine theatralische Modelle versammelt werden, passiert eine Verharmlosung, die in unserer Psyche im Fall von Erdhörnchen oder Pinguinen Rührung auslöst und selbst bei gefährlichen Bären alte Verbindungen von Tier und Mensch in der Frühzeit anspricht. Das Band zwischen beiden lädt sich seit damals, von Werken der Kunstgeschichte ablesbar, symbolisch in viele Richtungen auf. Nach dem Tanz der Schamanen mit Tiermasken in der Höhlenmalerei taucht im alten Orient in sumerischer Zeit auf Siegeln die heitere Darstellung der Tierkapelle auf, später schreiben griechische Dichter kleine Epen wie den "Froschmäusekrieg", in Byzanz einen "Katzenmäusekrieg". Doch Ratten, obwohl sie dem Menschen in vielem ähnlich sind, haben seit dem Mittelalter auch die Aura des Bösen, gelten durch Übertragung von Krankheiten mit dem Teufel verbunden, sind selbst in Asien ambivalent dem Element Feuer, aber auch dem Geldwesen zugeschrieben. Das Tier steht auch mit heidnischen Elementen im Zusammenhang, in romanischen Kirchen in unteren Bildstreifen werden Katzenmäusekriege von biblischen Heils-Geschichten darüber "zivilisiert".

Männchen und Weibchen durch Requisiten


Sengls hunderte Protagonisten sind vielfältig interpretierbar: Sie illustrieren nicht nur Kraus’ einzelne Szenen, sie ändern sich in Größe, Fettleibigkeit und Farbe des Fells, sind in weiblich und männlich durch Kleidung und Requisiten zu unterscheiden. Eine Ratte trägt Mieder, daneben ein Soldat mit Beinprothese oder ein Kardinal in Soutane. Die Kriegshetzer und der Generalstab, die Priester, Hofräte und Journalisten stehen immer schlanker werdenden Soldaten gegenüber, zuletzt sind auch die Verwundeten und Lazarette mehr und mehr Thema; alles mündet in drei Grotesken eines makabren Mahls, eines Auftritts mit Maskierung in der Apokalypse voller Toter und aufgespießter Köpfe. Nur der Nörgler, das Alter Ego des Dichters, ist schwarz und taucht mehrmals nahe den Schreibtischtätern auf. Meist übt sie sich in Nachdenklichkeit und Verzweiflung.

Manche Ratte schreit, tanzt, spielt zum einen Geige und geht zum anderen aggressiv auf seine Nachbarn los: Das Menschliche ist der Rattenwelt nicht fremd und Intelligenz schützt nicht vor Grausamkeit. Diese Welt ist mit kleinen Möbeln, Fahnen, Waffen und Zeitungen ausgestattet. Nur Blut, Urin, Teile der Zeichnungen und die drei Acrylbilder zur Apokalypse sind bunt; die Unschuldsfarbe spielt eine große Rolle für die gesamte Erscheinung.

Sengl weist mit ihren Mischwesen wie dem Zebralöwen schon Jahre auf die gestörte Beziehung von Tier und Mensch im Zeitalter des Artensterbens neben pervertierter Liebe zum Haustier hin, aber wie auch Maurizio Cattelan auf brisante Fragen der neuen Skulptur.

Die Arbeit an der Installation zog sich über ein Jahr. Als großes Welttheater auf unzähligen Sockeln bringt die Kleinheit der Tiere einen Unsicherheitsfaktor mit sich: Das Harmlose tritt mit der Vielfalt an Affekten voll Kriegspathos in eine konfliktreiche Beziehung. Kitsch und Kunst prallen wie Ernst und Humor aufeinander - eine qualitative Beurteilung wird so unmöglich. Dem folgt die wichtige Frage nach dem Ort der Präsentation für eine so spezielle Interpretation von Karl Kraus und dabei scheint ein Museum der Geschichte gegenüber dem Kunstmuseum geeigneter. Wie die eigenwilligen Objektkästen von Curt Stenvert zu Stalingrad heute zur Heeresgeschichte geordnet sind, würde auch diesem Ensemble eine Isolierung vom Kunstfeld gut tun.