Pongers Parallelforschungen: Ist die Mittelschicht noch zu retten? - © Michael Michlmayr
Pongers Parallelforschungen: Ist die Mittelschicht noch zu retten? - © Michael Michlmayr

Für Jahre hat Lisl Ponger der unzeitgemäßen Ethnologie im Museum den Kampf angesagt, aber auch in Staaten wie Bulgarien oder Afrika mit Projekten kritisch ihre Parallelforschung als Künstlerin gegenübergestellt.

Viele ihrer Fotoserien, auch die Fundobjekte ihrer Recherche, sind nun vorübergehend in einem eigenen Museum untergebracht, das sich im Hauptraum der Secession mit der Methode der Rettungsethnologie um die Mittelschicht bemüht. Das Museum für fremde und vertraute Kulturen, abgekürzt MuKul genannt, ist eigentlich ein politischer Ort, am Eingang der vier Räume ist noch gut sichtbar, dass die alte Aufschrift "Völkerkunde" hieß; die Anspielung auf die kürzlich in ganz Europa erfolgten Namensänderungen in "Weltmuseum" oder Ähnliches, kann für Ponger nicht alles sein an Differenz im Umgang mit der Wahrnehmung des "Anderen".

Ein Sessel für Snowden


In diesem Museum erleben wir in ironischer Form unsere globalisierte, auf Pump und Umweltzerstörung, soziales Ungleichgewicht, Eventkultur und Unsicherheit gebaute Welt als eine Art Spielhölle. Erstmals richtet Ponger den Blick zurück auf die Opfer in unserer "westlichen" Gesellschaft und zeigt mehr schonungslos als nostalgisch das Ende der Mittelschicht auf, wobei sie ähnlich arbeitet, als würde sie irgendeine exotische und aussterbende Spezies mit all ihren Eigenarten historisch vom Werden bis zum Vergehen beleuchten. Wenn wir nach einem nostalgisch anmutenden Fotopoint mit einem Paar der 50er-Jahre durch einen Vorhang mit Sonnenuntergang eintreten, findet sich neben aussterbenden Tierarten, Fotogeschichten und Luxusgütern auch ein Ausschnitt ihres Lieblingscafés, neben einem kleinen Modell einer paradiesischen Insel, aus der dieser Sonnenuntergang genommen ist: es handelt sich um Cayman Island, eines der Steuerparadiese der Reichen.

Daneben zeigt ein nächtliches Büro mit nur einer einsamen Figur das gespenstische Pendant der heutigen Arbeitsrealität. Vielleicht handelt es sich um eine Söldnerintellektuelle, die nach dem Gesetz ihres Arbeitgebers undifferenziert auf Bestellung arbeitet, um ihre Existenz zu sichern.

Vielleicht ist diese private Existenz auf die Devise "My home is my Castle" gebaut und daher im Immobiliencrash von 2008 schon untergegangen. Das Monopolyspiel in Varianten - nebst einer aktualisierten Version für die neue Finanztransaktionswelt mit maximaler Dauer von einer halben Stunde - wies ursprünglich auf die negative Auswirkung von Monopolen hin. Die Crashs begannen schon 1907 und über die Hyperinflation, die Warnungen Walter Benjamins, die Ölkrise 1979, Fall der Mauer bis zur Tea Party wird hier alles scheinbar sachlich in Inventarnummern und Beitexten verhandelt.

Das Museumsähnliche zeigt die Welt als Groteske wie schon die Höllen der Malerfamilie Bosch oder wie Dada. Im Nebenraum wird vom Typus Mittelklassemensch der finale Gipsabdruck genommen, doch die letzten ihrer Art nach Abschaffung der Rassensäle gibt es transferiert in China, sie ahmen allerdings ohne die Frage nach Demokratisierung westliche Luxusmarken nach.

Für die Totengräber Margaret Thatcher und Ronald Reagan gibt es eigene Masken; gegen die vielen Mitläufer ihrer Thinktanks des neoliberalen Gezeitenwechsels aber nur wenige Gegnermasken wie jene von Occupy. Die großen bekannten Fototableaus der Künstlerin ergänzen wie an der Außenwand des MuKul der "Fuck Neoliberalism"-Kommentar eines Sprayers; noch besser ergänzt allerdings ein Katalog mit ausgezeichneten Texten von James Clifford, Yvette Mutumba und Tim Sharp. Hier wartet ein unsichtbarer Museumssessel auf Edward Snowden.