• vom 10.04.2014, 17:19 Uhr

Kunst

Update: 10.04.2014, 17:30 Uhr

Protestkultur

Kunst auf den Barrikaden




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Von Manisha Jothady

  • Eine Ausstellung im Künstlerhaus wirft die Frage auf, was wir von Kunst erwarten, die Widerstand leistet.

Manches kommt ausgesprochen plakativ daher: wie dieses "Porträt" des damals amtierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch von Egor Petrov, das die "Strike-Poster" im Internet verbreiteten.

Manches kommt ausgesprochen plakativ daher: wie dieses "Porträt" des damals amtierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch von Egor Petrov, das die "Strike-Poster" im Internet verbreiteten.© Egor Petrov Manches kommt ausgesprochen plakativ daher: wie dieses "Porträt" des damals amtierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch von Egor Petrov, das die "Strike-Poster" im Internet verbreiteten.© Egor Petrov

Während der Revolution in der Ukraine standen Kunstschaffende im Zentrum der Ereignisse. Viele von ihnen schufen ihre Werke direkt am Maidan. Eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus gibt nun Einblick in verschiedene Ausdrucksformen des künstlerischen Protests. Und wirft letztlich die Frage auf, was wir uns von
Kunst erwarten, die Widerstand leistet.


Künstler protestieren: Sie protestieren gegen weltweite politische und ökonomische Missverhältnisse, gegen Kriege, gegen die Finanzkrise, gegen Ausbeutung, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Homophobie, gegen Rassismus und auch gegen Vorgänge im Kunstbetrieb selbst. Kunstschaffende sämtlicher Disziplinen standen in der jüngeren Vergangenheit der Occupy-Bewegung zur Seite, standen am Tahrir-Platz in Kairo und am Taksim-Platz in Istanbul und verliehen in Werken und Aktionen ihrem Unmut Ausdruck. Künstler werden oft als Seismografen gesellschaftlicher Missverhältnisse bezeichnet. Nicht selten schaffen sie Arbei-ten mit prophetischem Charak-ter, geben den Ängsten und auch den Sehnsüchten, die noch im
Unterbewusstsein der breiten Massen schlummern, unmittelbar Gestalt.

Die Gretchenfrage, was Kunst kann und was sie darf
Und das nicht erst seit gestern. Seit dem Aufkommen des Bürgertums und der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise, die die Kunst aus ihren religiösen und höfischen Abhängigkeiten befreiten, darf die Kunst protestieren. Man nennt sie "autonom" und sagt ihr nach, sie dürfe "alles". Allerdings unter der nicht unwichtigen Bedingung, dass sie dabei, bitteschön, in ihrer Sphäre bleiben und sich nicht allzu sehr in politische Angelegenheiten mischen soll. Denn sobald die Gretchenfrage "was Kunst kann und darf" aufkommt, scheint der Common Sense doch der zu sein, dass Kunst und Politik zwei unterschiedlichen Sphären zuzuordnen seien. Da kann es leicht passieren, dass Kunst zum beschwichtigenden Begleitprogramm politischer Realitäten degradiert und nicht als eigenständiges Medium der Erkenntnis und Erfahrung anerkannt wird.

Dass Kunst, die Widerstand leistet, dennoch wirksam wird, zeigt sich paradoxerweise gerade dort, wo sie sich der Zensur ausgesetzt sieht. Der regimekritische Künstler Ai Weiwei mag das prominenteste Beispiel hierfür sein. Aufhorchen ließ auch eine Ausstellung, die im März 2007 im Moskauer Sacharow-Zentrum stattfand. Unter dem Titel "Verbotene Kunst" trug der damalige Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow-Galerie 24 Werke zusammen, die ihm der Direktor der Galerie zuvor ohne Begründung von seinen Ausstellungslisten gestrichen hatte. Es erfolgte eine Haftstrafe und der Verlust des Jobs.

Wie steht es also um die Freiheit der Kunst?

Einer Kunst, die doch lieber in Schach gehalten wird, einer Kunst, die aber gleichzeitig von anderen Lebensbereichen vereinnahmt wird, indem nicht selten das zur Kunst erklärt wird, was eigentlich gar keine ist.

So staunte man beim Rundgang durch die ausgewiesen politisch ambitionierte siebente Berlin Biennale vor zwei Jahren über die zahllosen Unmutsbekundungen diverser aktivistischer Autoren, die da plötzlich mitten im Feld der bildenden Kunst agierten. Und erst unlängst ging die Ausstellung "global aCtIVISm" im ZKM Karlsruhe zu Ende. Die Schau widmete sich dem Feld der künstlerischen Ausdrucksform, die politisch inspiriert ist und in Form von Aktionen, Demonstrationen und Performances im öffentlichen Raum auf Missstände aufmerksam macht. Bestückt war sie mit Exponaten nicht nur künstlerischer Provenienz.

Die Verflechtungen von Kunst und Politik
Die Beziehung zwischen Kunst und Politik, zwischen Kunst und Gesellschaft bildet auch in den Protesten in der Ukraine ein wichtiges Geflecht. Dass öffentliche Performances, die sich meist in kollektiver Autorenschaften unter Miteinbeziehung der Bürger gestalteten, zur eindrücklichsten Form des friedlichen Protestes wurden, zeigt nun die Ausstellung im Künstlerhaus Wien, die Arbeiten und Dokumente versammelt, die aus den Unruhen hervorgingen.

So versammelten sich am 29. Dezember des Vorjahres dutzende Menschen am Hauptplatz und hielten den dort postierten Polizisten Spiegel mit der Aufschrift "Gott, bin ich das?" entgegen. Einige Wochen später stellte der Maler Maksim Vegera seine Staffelei inmitten der Straßenkämpfe auf und fror jene apokalyptischen Szenen, die wochenlang durch die Medien gingen, in Öl auf Leinwand ein.

Berührend auch die Intervention von Markiyan Matsekh, der sein Klavier, das er in den Far-
ben der ukrainischen Flagge
gestrichen hatte, mitten am Maidan platzierte, um darauf Chopin zu spielen. Es sind Bilder wie
diese, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sein dürften, wenn in Zukunft von der Revo-
lution in der Ukraine die Rede sein wird.

Einige der Beiträge in dieser Ausstellung, allen voran jene der Malerei, mögen für den Betrachter fern der Ukraine und dessen visuellen Traditionen ausgesprochen plakativ daherkommen. Doch lässt man sich auf die Erzählungen ein, die beispielsweise hinter den Arbeiten der Künstler Olexa Mann und Ivan Semesyuk stecken, erkennt man deren subversives Potenzial, das sich vor allem in ironisch-gewitzter Wortspielereien äußert. Während der Revolution errichteten sie nahe den Barrikaden ihren "Künstlerischen Wachturm", den sie mit ihren Bildern bespickten, die bei den protestierenden Massen auf Begeisterung stießen.

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Schlagwörter

Protestkultur, Kunst, Protest, Ukraine

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-04-10 17:23:04
Letzte Änderung am 2014-04-10 17:30:58


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