Das ungarische Künstlerduo Little Warsaw greift den grassierenden Antisemitismus in Ungarn an und reflektiert die politische Umerziehung in den Schulen des Kommunismus. - © Michael Michlmayr
Das ungarische Künstlerduo Little Warsaw greift den grassierenden Antisemitismus in Ungarn an und reflektiert die politische Umerziehung in den Schulen des Kommunismus. - © Michael Michlmayr

Wenn Heinrich Dunst sich auf dem Plakat am U-Bahn-Ausgang selbst durchstreicht, ist man schon auf ein subversives Denkkonzept gefasst. Auch das Wort Secession zeigt sich auf der Pressemappe durch Querbalken geteilt, was als Aufruf, weiter zu reflektieren, schon einigermaßen in Verzweiflung stürzt. Dunsts Querwand durch den Hauptraum der Secession ist Träger einer beidseitigen Installation, die mit dem Wort Da (vorne und dahinter) und seinen vielen anderen Bedeutungen bis zurück zu Dada ein künstlerisches Kopfspiel nach Ludwig Wittgensteins Sprachzweifel auslösen soll. Doch die diagonale Enthierarchisierung musealer Präsentationen, mit Erinnerung an Wahrnehmungsprogramme der konkreten Szene der achtziger Jahre, macht ratlos. Natürlich ist auch ein Schwenk zu Marcel Broodthears Antimuseums-Konzepten enthalten. Das neue Wortgefecht aus rosa Dämmstoff, monochromen Gemälden, skulpturalen Buchstaben, Stellagen, Fotos, Tonnen, der Malerhose und einer osmanischen Miniaturmalerei-Seite, lässt die "Rekontextualsierung" als auch "Remediatisierung" allerdings in einen Trichter des Unsinnlichen fallen.

Ungarn kritisieren Ungarn


Das Budapester Duo "Little Warsaw" (András Gálik und Bálint Havas) schreibt ihren "Neukontextualisierungen" alter Positionen politische Geschichte ein. Im Katalog finden sich schwere Angriffe auf den Antisemitismus in Ungarn und "Naming You" verhandelt in drei Räumen Rückblicke auf die dortige klassische Moderne. Die Realität des Bildhauers András Beck, der neben einer Büste von "Stalins bestem ungarischen Schüler", dem autoritären Generalsekretär der Ungarischen Arbeiterpartei Mátyás Rákosi, einen lesenden Knaben einer damals typischen Schule zur kommunistischen Umerziehung geschaffen hat, bevor er in den fünfziger Jahren ins Pariser Exil ging. Dazu gibt es im ersten Raum Reflexionen auf ein Farbfeld-Mosaik des Bauhauskünstlers Johannes Itten, das in einem Projekt über heutige künstlerische Bedingungen im Team gelegt wurde, und im letzten Raum einen Schwenk in eine Kirche im ungarischen Bauhausstil mit Bezug zu Le Corbusier von 1931/34, die allerdings auch auf den zivilen Ungehorsam damaliger Religionsausübung hinweist. Dazu verschränkt ein Video Kunst und Landwirtschaft aus alten Aufnahmen von Beck und János Gálik, einem Ingenieur, der eine neue sowjetische Kartoffellegemaschine mit Bauern mit der Kamera einfing. Diese Dinge sind, da ihrem eigentlichen Kontext entzogen, auch in Kombination mit drei Romanabschnitten für jeden Raum als aktualisierte Erinnerungsarbeit zum Kunstprojekt erhoben.

Im Grafischen Kabinett widmet sich Kerstin von Gabain der Verbindung von Archäologie und dem Phänomen Rave, der musikalischen Subkultur. Zwei Bereiche, die nichts gemeinsam haben auf den ersten Blick, werden durch die in Gips abgegossenen Tanzbeine und Schuhe der Künstlerin zu "Raver geht ins archäologische Museum" kombiniert. Klassische Präsentation der analogen Schwarzweiß-Fotografien steht Gipsplastiken gegenüber und schon im Treppenhaus ist die Soundinstallation mit den wie zufällig platzierten Fotos und dem Objekt "Fossil" in der Vitrine ein neuer Versuch "High and Low" zu verbinden. Es entsteht ein absurder und humorvoller "Culture Clash" zwischen Antike und Musikkultur von Rave und Techno. Und das völlig anders als es noch die Erinnerungsarbeit und Archivforschung von Anne und Patrick Poirier in den achtziger Jahren mit ihren Gipsabgüssen begonnen hat. Das dunkle Zeitalter in der griechischen Kunst in Form eines wissenschaftlichen Kataloges löste bei Gabain freche Schwenks zu "Urfuß" aus. Die starke Verbindung zu ihrer vorangehenden Ausstellung im MAK 2013, bei der sie Möbel zu Patienten mit gipsernem Verbandsmaterial bearbeitet, muss allerdings auch erst vor Ort nachgelesen werden, um die Arrangements von Scherben zu Gesichtern auf der Fotografie "6 Ravers" zu verstehen. Die Aneignung passiert im Dunstkreis neuer subkultureller Praktiken, die mit dem Musealen eine kleine Tanzsession vollziehen.

Ausstellung

Heinrich Dunst, Little Warsaw,

Kerstin von Gabin

Secession

Bis 8. Juni