Kurz nach dem Tod von Hans Hollein verliert Österreich seine auch international bekannteste Malerin: Maria Lassnig hatte 2012 für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen in Venedig bekommen, war Staatspreisträgerin für Malerei und sie war kompetente Professorin für Malerei und Trickfilm an der Universität für angewandte Kunst, wohin sie erst in späten Jahren – sie war damals schon sechzig Jahre alt - berufen wurde. Eigentlich ein typisches Frauenschicksal, ähnlich Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Nancy Spero, kam der Ruhm erst in den letzten Lebensjahrzehnten; doch war es Lassnig auch bis vor kurze Zeit gegönnt, ihrem Beruf bis über das neunzigste Lebensjahr hinaus nachzugehen.

Nach ihrer Rückkehr aus den USA 1980 stieg sie zur absoluten Nummer eins am hiesigen Kunstmarkt auf, ungewöhnlich für eine Künstlerin erzielen ihre Werke hohe Preise, doch zum Feminismus hatte "die Lassnig" ein zwiespältiges Verhältnis. Sie wurde am 8. 9. 1919 in Kappel in Kärnten geboren; das Elternhaus behielt sie als einen Wohnsitz lebenslang. Das Studium in Wien an der Akademie brachte ihr, einem Kreis regimekritischer Studenten angehörend, in der Nazizeit ein Malverbot als "entartete" Künstlerin ein. Nach dem Krieg schloss sie sich der Avantgarde um die Galerie nächst St. Stephan von Monsignore Otto Mauer an, gehörte mit Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs auch zur sogenannten "Hundsgruppe", die sich zuerst mit der Wiener Moderne um den Expressionisten Egon Schiele, aber auch mit dem Surrealismus auseinandersetzte, später ging sie mit Arnulf Rainer mehrmals nach Paris an befasste sich mit abstrakter Malerei, konstruktiven Kompositionen und Zentralisierungen.

Ähnlich wie die jüngere Kärntnerin Kiki Kogelnik (1935 – 1997) wandte sich Lassnig bald wieder dem Gegenstand zu und ihre Figurationen zeichneten sich durch eine ungewöhnliche Kombination von hellen, aber auch grellen Farbkontrasten aus: eigentlich schon Töne wie sie später in der Pop-Art wichtig wurden: Orange und Hellgrün zu Rosa und Himmelblau. Doch in Wien war weder Figuration gefragt noch war die Situation als Künstlerin günstig, also  verließ sie Österreich und lebte über ein Jahrzehnt in New York; jedoch im Gegensatz zu Kogelnik nicht in der Kunstszene integriert und eher bescheiden. Sie entwickelte ihr typisches "Body Awareness Painting", eine spontane Übertragung ihrer körperlichen Empfindungen direkt auf die Leinwand, oft am Boden neben der Leinwand liegend, um die Überleitung mit dem Pinsel abzukürzen und zu intensivieren.

Neben abstrahierten Gefühlswesen, die zuweilen bedrohlich aufgeblasen anmuten, aber auch wie Comicfiguren erscheinen, schuf sie eine große Reihe von berühmten Selbstbildnissen, auch im Umgang mit wilden Tieren ("Mit einem Tiger schlafen") oder mit Fischen als Schwimmerin, als weiblicher Laokoon mit Schlangen zeigen sich Bezüge zur Psychoanalyse.  Lassnig hatte aber auch Kontakte zur "Woman’s Liberation"-Bewegung, was sich mit besonderem Witz in ihren Trickfilmen manifestiert oder in ihrem berühmten Selbstbildnis als Akt über die Hochhäuser von Manhattan schreitend. Sie hatte die jugendliche Filmtechnik in New York erlernt und schloss sich trotz feministischer Themen in ihrer Arbeit den österreichischen Bemühungen der IntAkt-Künstlerinnen und Feministinnen nie an; wollte auch nicht in reinen Frauenausstellungen vertreten sein.

In Österreich zurück bekam Lassnig mehrere monografische Ausstellungen, zwei besondere  im modernen Museum (heute Mumok) kuratierte Wolfgang Drechsler; die letzte davon zum neunzigsten Geburtstag. Im Essl Museum waren vor einigen Jahren auch ihre humorvollen Trickfilme in großer Zahl nachzuvollziehen – ein Medium, das wohl kaum jemand so beherrschte wie sie.