Die Festwochenschau "Meeting Points" ist die siebente Station eines weltweit wandernden Projekts des Young Arab Theatre Funds und des kroatischen Kuratorinnenkollektivs WHW, das die 11. Istanbul Biennale 09 präzise und pointiert zum politischen Statement machte, ohne dogmatisch zu sein. Deshalb entschied sich Frie Leysen als Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen für deren Kooperation mit der lokalen jungen Kunstszene, die in Wien von der Kuratorin des 21er Hauses Luisa Ziaja eingebunden wurde. Immerhin beherbergte der Ort 1963 erstmals eine Festwochenausstellung mit Hans Hartung und Fritz Wotruba.

Unterschiedliche Freiheiten


Das Resultat eines breiten und in vielen künstlerischen Medien angelegten Austausches um die Fragen Kolonialisierung, Revolution, Mittelstand, aber auch Urbanistik und historische Architekturen der Moderne, will zum Überdenken historischer Narrative anregen. Deshalb ist der Untertitel "Zehtausend Täuschungen und hunderttausend Tricks" aus Frantz Fanons Buch "Die Verdammten dieser Erde" bezogen, in dem der Autor die Befreiung Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft thematisierte. Es sind aber auch vielfältige Geschichten aus Ex-Jugoslawien, der Türkei, dem Iran, dem Nahen Osten mit Israel, dem Libanon und Ägypten sowie Portugal, Marokko und den Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie in Sachen Revolution, Rassismus, Genderperspektive und Klischees wie Orientalismus zu finden.

Als Bild-Signet steht eine Fotoserie von Sanja Iveković, die ein altes Foto mit der Grußgeste der Partisanen Ex-Jugoslawiens mit einem am Computer nicht veränderten, also ungeschönten Porträt der Soziologin und Aktivistin Jana arinić verbindet, die zu unserer großen Verwirrung eine Perlenkette in der zur Faust geballten Grußhand hält. Da schleichen sich Mechanismen des Kapitalismus ein in "The Right One: Pearls of Revolution".

In der breiten Palette sozialer Themen sind uns die Werke von Johanna Kandl, Lisl Ponger, Carola Dertnig, der in Wien lebenden Iranerin Ramesch Daha und Christian Philipp Müller geläufig. Sie behandeln gesellschaftliche Utopien und politische Bilder aus dem Iran, der Türkei und den osteuropäischen Ländern, aber auch Slogans wie "Gleiche Rechte für alle" aus der Französischen Revolution (Ponger). Müller karikiert mit "The Family of Austrians", einem Ausschnitt der Fotoschau "The Family of Man" von Edward Steichen 1955, die Weltfamilien als antiquierte Stereotypen.

Gut gewählt ist auch der Anfangsakkord mit zwei Werken Curt Stenverts von 1965 und 1978 aus der Sammlung des
Hauses, das "Wohlstandsidol" verbindet den Mercedesstern mit dem Kruzifix und die alte Kassa trägt den Titel "Weg mit dem nicht-stinkenden Geld! Zahlt mit Mäusen".

Gesellschaft auf dem Prüfstand


Gespiegelt im internationalen Kontext ohne Gleichmacherei behandeln wichtige Filmemacher wie Martin Arnold, Sven Augustijnen, Kianoush Ayari, Filipa César, Goran Dević oder Roy Dib neben dem "Kino der Verdrängung" in Hollywood, biopolitische Körperschau aus dem Kongo, die iranische Revolution 1979, Kolonialfragen Portugals oder Homosexualität als Verbrechen in Palästina.

Drei Grazien als Pappkameraden oder indische Göttin sind Sprengstoffattentäterinnen bei Rajkamal Kahlom, der Esel von Hicham Benohoud in improvisierten Einbauten für marokkanische Wohnzimmer deutet mit Witz auf die Schwierigkeit mit unserem "richtigen Platz" in der Gesellschaft hin. Wandmalerei und Cartoons sowie Schlagzeilen der Zeitungen im revolutionären Kontext beschäftigen Darinka Pop-Mitić, Anton Kannemeyer, Victoria Lomasko und Eva Egermann. Beteiligt an diesem breiten Bogen sind auch Gülsun Karamustafa, die 2010 als Artist in Residence in Wien die Verbindungen Margarete Schütte-Lihotzkys zu Architekturprojekten der Reform-Türkei Atatürks untersuchte, oder Nilbar Güreş, die humorvoll weibliches Rollenspiel aus der Perspektive Trabzons in der Osttürkei in performativen Fotografien "auf die Schaufel" nimmt.

Ausstellung

Meeting Points 7

21er Haus

Bis 31. August