Ist Franz Sedlaceks "Groteskes Tier" ein monströser Akt? - © Bildrecht
Ist Franz Sedlaceks "Groteskes Tier" ein monströser Akt? - © Bildrecht

Egon Schieles Zeichnungen stehen als Kunstwerke autonom neben seinen Gemälden für eine eigenständige Entwicklung und, wie Franz Smola im Katalog folgert, es sind die Fundamente des radikalen Expressionismus. Grundsteine fragiler Art waren sie bekanntlich auch für die Sammlung Leopold. Rudolf Leopolds Interesse förderte den Siegeszug, der Wiener Kunst um 1900, der zur Modeströmung wurde. Ohne Zweifel ist die Ausstellung der Meisterzeichnungen "Linie & Form" ein Heimspiel, das nicht schiefgehen kann, wenn auch von Schieles Blättern viele aus konservatorischen Gründen unter Verschluss bleiben müssen. Die nächsten Projekte können nicht ohne ihn auskommen.

Die unwiderstehliche Erotik
der bösen Frau


Zwei Schiele-Highlights bieten sich dennoch mit dem "Liegenden Knaben" von 1913, ein nervöses, teils gelb bemaltes Blatt, in dem Schiele Erich Lederer, den späteren Besitzer von Gustav Klimts "Beethovenfries", porträtierte, und "Die grüne Hand", ein Paradebeispiel für die Modekrankheit Hysterie. Die Kreide- und Bleistiftstudie mit grün bemalter Hand einer Frau im angewinkelten Krampfgestus vor zurück gelehntem Körper ist zudem eine Figur ohne Kopf.

Die besondere Studie von Klimts küssendem Paar aus dem "Beethovenfries" kaufte Leopold aus seiner Vorliebe für die erotischen Aktzeichnungen des Meisters. Doch auch aus dessen Ringstraßenzeit-Phase gibt es wichtige Exponate, dazu von 1907/08 eine stehende Schwangere zur symbolistischen "Hoffnung I".

Das Konstrukt der bösen aktiv erotischen Frau, die den Willen und Geist des Mannes zerstört, bewegte nach 1900 vor allem Alfred Kubin in seiner Frühphase, doch auch bei Kokoschka ist der verlorene Kampf um Alma Mahler Auslöser einiger Neurosen. Leopold kaufte die beiden als Liebespaar von 1913 mit sichtbarer Unterwürfigkeit des Mannes.

Auch Koloman Moser suchte mehr den Geist über den Wassern als die reale Frau. Seine Studie für eine Vignette von "Ver Sacrum" wie auch der Akt für die "Kauernden Frauen" verbindet ihn mit der Esoterik Ferdinand Hodlers, dessen Schau in der Secession die Wiener beeinflusste. Seine geisterhaft zur "Eurythmie" Schreitenden gehört wie Georg Minnes "Sich drehende Tänzerin" oder Franz Sedlaceks "Groteskes Tier" zu den extravaganten Blättern der Sammlung.

Die Ausstellung zeigt im Fall der drei Hauptmeister (aber auch von Kubin und Herbert Boeckl) ganze Konvolute, die beispielhaft für die Entwicklung oder Änderung von Stilen der Künstler stehen. Das gilt auch für die besonderen Knaben-Aktdarstellungen von Anton Kolig und für den spontanen Blick auf Tier und Mensch, den Ludwig Heinrich Jungnickel von 1914 bis 1930 in scheinbar anhaltender Bewegung zu Papier brachte.

Vom Komischen zum Kindlichen


Diesen faszinierend direkten Ausdruck des Künstlers bis zurück zur Renaissance und sogar zur Höhlenzeichnung verfolgt der Mitkurator von Smola, Fritz Koreny, im Katalog. So altmeisterlich war denn der Impetus Leopolds nicht, dem Aspekt des Archaisch-Wilden der Moderne wird der vormalige Kurator der Albertina für Renaissance wenig gerecht.

Neben gewagter Erotik, die zum Aufbruch der Avantgarde gehört, war auch der Hang zum Komischen ein ergiebiges Gebiet. In Otto Dix‘ Blatt "Rosa" ist er ebenso zu finden wie in Oskar Laskes "Giraffenfräulein" oder dem Porträt Emil Orliks von der Tennisspielerin Nelly Neppach, die 1925 deutsche Meisterin wurde - natürlich ausgestattet mit dem lasziven Blick der männermordenden Amazone. Selbst die Studien der Dekorationen und Möbelentwürfe der Wiener Werkstätte, die jene Eingemeindung der angewandten Kunst ins Gesamtkunstwerk bedeuteten, beinhalten eine Skizze zu einem Spiegelrahmen von Dagobert Peche, bei der aus Zahlen und technischen Details ein lächelndes Gesicht auftaucht. In seinen Stoffüberzügen für drei Fauteuils stiften die Varianten eines ganzen Frauenkopfs neben Blumen und Geometrie Verwirrung.

Franz von Zülows Kindermanier passt da sehr gut zu den neuen Quellen zeichnerischer Ästhetik aus der Imagination von Kindern und Geisteskranken. Dem fügt sich Arnulf Rainers früher surrealer "Herbst" von 1950 gut ein. Wie ein geistiger Enkel von Auguste Rodin mit Handskulptur und monumentaler Zeichnung agiert Hannes Mlenek an den Wänden nahe der Decke und im Atrium. Sein "Seismogramm der Erregung" rundet den Reigen des erotischen Strichs im Heute nach dem Tod des Sammlers ab.

Ausstellung

Linie & Form.

100 Meisterzeichnungen

Leopold Museum

Bis 20. Oktober