Edmund de Waals stille Gedächtniskunst: "Lichtzwang" im Theseustempel. - © Gagosian Gallery/KHM
Edmund de Waals stille Gedächtniskunst: "Lichtzwang" im Theseustempel. - © Gagosian Gallery/KHM

Sie sehen ein wenig wie Giorgio Morandis gemalte Stillleben in dritter Dimension aus: kleine zylindrische Gefäße in aus Japan beeinflusster keramischer Technik des Künstlers Edmund de Waal. Morandi malte seine metaphysischen "Nature mortes" 1920 bis 1964. Mit Farbe nahm er seinen Flaschen die Durchsichtigkeit. Ihre magische Stille fasziniert bis heute.

1964 wurde de Waal geboren, der seine Keramiken mit ihrer blassen Glasur über handgeformter Unregelmäßigkeit in ähnlich gedrängten Gruppen auf den Borden zweier weißer Vitrinen hinter Glas versammelt. Die Vitrinen, an der Rückwand des Theseustempels montiert, sind verschlossen wie die Bibliothek Rachel Whitereads, die aus umgekehrten Bücherregalen das Denkmal für die aus Wien in Konzentrationslager verschleppte jüdische Bevölkerung zu einem Bücherraum am Judenplatz baute.

Zeichen der persönlichen Betroffenheit


Edmund de Waal ist berühmt als Autor des vielfach preisgekrönten Buches "Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi", das 2011 auf Deutsch erschien. Darin beschreibt er anhand seines Erbes, einer Gruppe von 264 Netsuke-Figuren, die Flucht der bekannten Wiener jüdischen Familie in den dreißiger Jahren bis nach England. Die kleinen Keramiken gehörten seinem Großonkel, die Großmutter Elisabeth heiratete den Niederländer Hendrick de Waal, und auch sie schrieb einen Roman über ihre Vertreibung.

Die Verbindungen zur Gedächtniskunst einer Whiteread sind daher kein Zufall und auch die Leere des Raums, in dem das Licht durch Deckenfenster und Tor seine Spiele in "Lichtzwang" als Thematik wandelt, korrespondiert mit der Archiskulptur der Turner-Preisträgerin. Statt der monumentalen Gruppe "Theseus erschlägt den Kentauren" von Antonio Canova, für die Pietro Nobile den Theseustempel 1819-1823 erbaut hat, ist die stille und reduzierte Installation von Edmund de Waal ein besonders überlegter und aktueller Akzent der Gegenwartskunst.

Doch ist die Geste überdeutlich und die unscheinbaren Keramiken hinter Glas in ihren zwanghaften Grüppchen, die als Art Wortgruppen einer Schrift assoziiert werden sollen, allzu stark mit der Erinnerungskultur verbunden. Die autobiografische Beziehung zu seinen aus dem gar nicht weit entfernten Palais der Familie Ephrussi am Schottentor stammenden Netsukes kombiniert sich mit der Übernahme des Titels "Lichtzwang" von einem Gedichtband Paul Celans. So vervielfachen sich Sprache und Lichtspiel, Zerbrechlichkeit und Verbergen mit einer Anklage
über das Schweigen der Nachkriegszeit in Wien zur jüdischen Geschichte.

Das Denkmal Whitereads mit seiner Stille und Verschlossenheit wurde von den Wienern entgegen dem Erwarten der Künstlerin gut angenommen, didaktische Neuformulierungen sind künstlerisch späte Gesten. In Celans Gedicht ist die Rede von "hinüberdunkeln zu dir" und einem Nichtgelingen durch Lichtzwang: 2016 wird de Waal ausgewählte Werke des Kunsthistorischen Museums in neuem Licht zusammenstellen.