Ironie ist bei Isa Genzken stets präsent - so auch in "Strandhäuser zum Umziehen" (Detail). - © Wyckoff/Genzken/FRAC Nord-Pas de Calais/Galerie Buchholz
Ironie ist bei Isa Genzken stets präsent - so auch in "Strandhäuser zum Umziehen" (Detail). - © Wyckoff/Genzken/FRAC Nord-Pas de Calais/Galerie Buchholz

Die Selbstbezeichnung in der Wiener Schau als "The Only Female Fool" hat Isa Genzken mit jener Ironie ausgewählt, die sich in vielen ihrer Titel ausdrückt - etwa dem der Skulptur "Haare wachsen wie sie wollen" aus Bambusstangen, die dem Dach der Kunsthalle am Karlsplatz entspringen und der Architektur etwas Menschliches verleihen. Ein Hinweis auf den Feminismus oder die Kunst der feministischen Künstlerinnen der Siebziger Jahre ist nicht enthalten. Die 1948 geborene Künstlerin zeigt schon mit der Gruppe von Gegenüberstellungen "Lieblingskünstler, Künstlerfreunde und Gemeinschaftswerke", dass sie sich mit Carl Andre, Dan Graham, Jasper Johns, Gordon Matta-Clark und Lawrence Weiner durchaus auf eine Ebene stellt. Neben vergleichbaren Konzepten amerikanischer Minimal-Artisten hat sie für Wien eine große Teamarbeit mit Wolfgang Tillmans installiert und davor mit Gerhard Richter nicht nur eine U-Bahn-Station in Duisburg 1992 gestaltet: Er war ihr Lehrer und danach ein Jahrzehnt lang ihr Ehemann.

Skulpturengarten New York


Genzkens Vorliebe für plastisches Gestalten mit einer wilden Mischung aus modernen Materialien traf sich im Fall der U-Bahn-Stationsgestaltung mit der malerischen Vorliebe Richters für Flächen und Farben. Noch vor ihrer Heirat 1982 entstanden in den 70er Jahren die "Ellipsoide" und "Hyperbolos", lackierte Holzskulpturen, die sie mit Hilfe eines Computers und nach physikalischen Gesetzen berechnen ließ. Sie liegen nur an einer oder zwei Stellen am Boden auf und sind, von einem Modellschreiner gestaltet, hoch ästhetisch und elegant. Mit ihnen zeigen sich früh die zwei Stärken der Künstlerin: Objekte in ein Spannungsverhältnis zum Raum treten zu lassen und die Konstruktion als ein Vehikel für erweiterte Ideen zu nützen. Beides hängt mit der Vorliebe Genzkens für das Urbane zusammen; so erschien ihr New York, das sie in Serien 1998-2000 fotografierte, als eine riesige Ansammlung von Skulpturen. Die oft auftretende Verspiegelung moderner Fassaden nützt sie bis heute als Wirkungsmacht ihrer eigenen Arbeiten, aber auch als Brücke zum Betrachter.

Gesichtslose Fassaden lassen die Künstlerin intensiv über die sozialen Bedingungen des Menschen wie der Kunst in neoliberalen Zeiten nachdenken, was sich in ihren Bildobjekten "Soziale Fassaden" ebenso widerspiegelt wie in den Stelen, die eigentlich Porträtsäulen sind, aber auch in den kleinen Modellen von "New Buildings for Berlin" 2014, die erstmals präsentiert werden. Hier wird neu artikuliert, was an unseren Lifestyles zu platt erscheint, zu kitschig, aber auch was hyperrational abläuft.

Spiel und Voyeurismus


Dem Monumentalen stellt sie die Selbstversorger-Sperrholzwelten gegenüber, immer in Oppositionen zur heute verbreiteten Sicht von Kunst als Ware. Improvisierte Behausungen Obdachloser, dynamisch, aus Planen, Sperrholz und bunten Plastikfolien, mit Klebestreifen zusammengekleistert, sind ähnlich den "Strandhäusern zum Umziehen". Hüttenmodelle, die uns das andere Leben der Mega-Städte offenbart. Dabei zeigen sich die Brüche der Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Bereich, Voyeurismus tritt zutage, aber auch nur Spiel.

Vor Francis Picabias Maschinenträumen als surreale Bricolage zwischen Mensch und Skulptur liegen die Urideen zu Genzkens Stelen: Die Erinnerungssäulen für bestimmte Personen lassen an archaische Kenotaph-Grabmäler denken, die ohne den Körper des Verstorbenen auskommen mussten, aber ein Seelenloch bereit hielten. Doch zeigt sie nur den Wolkenkratzer als Ready-made. Richters silberne "Kugel II" als kleine Raumskulptur neben einem rosa Lackfleck, den Weiner extra für Genzken auf den Boden sprühen ließ, sind Gesten für eine Künstlerin, die Gefahr wittert,
mit Ohren als Antennen illustriert, sich selbst im Kölner Dom ablichten lässt. Mit Wolfgang Tillmans hinter der Kamera bezeichnet sie den Dom als "Atelier" und das Ritual des Sakralen ebbt auch in ihren bemalten "Hemden" nach: Da werden getragene Stücke zu neuen "Vera Icons" unserer von Religion besessenen Gesellschaft.

Ausstellung

I’m Isa Genzken, The Only Female Fool

Nicolaus Schafhausen (Kurator)

Kunsthalle

Bis 7. September