Eigentlich waren die emanzipierten Frauen der siebziger Jahre, auch die militanten Feministinnen, gegen den Street-Photographer Gary Winogrand (1928-1984). Er machte nicht nur Schnappschüsse von Frauen, die erstmals allein durch Straßen und Parks in Amerika schlenderten oder auf Einkaufsstraßen flanierten, er sprach auch von ihrer Schönheit - und das passte nicht in diese erste Phase des Feminismus.

Zwar gab es noch nicht den Wunsch, "cool" zu sein, aber die teils leicht bekleideten Frauen wollten vor allem unabhängig wirken und nicht schön. Winogrands Aussage über die Attraktivität, die ihn ansporne, stempelte den Mann hinter der Kamera mit seinen Bildkomplimenten schnell zum Voyeur ab: Winogrands Frauenserie, die er 1975 erstmals publizierte, wurde daher trotz seines hohen Bekanntheitsgrads kontrovers diskutiert.

Die feinen Grade
der Emanzipation


Heute sind der interessanten, nur im ersten Moment beiläufig aufgenommen wirkenden Serie solche feinen Grade der Emanzipation nicht mehr anzusehen. Doch die spanische Sammlerin und Kuratorin der Schau, Lola Garrido, kennt generationsbedingt jedes kleine Detail noch genau und gibt auf Anfrage auch gerne Tipps zu ihrer in Los Angeles in den achtziger Jahren bei einer Versteigerung erworbene Serie von Winogrand. Den Hinweis, ein Portfolio dieser Qualität zu kaufen, gab ihr die österreichische Fotografin Inge Morath.

Die neu gewonnene Freiheit der Frau ist in Winogrands Serie durch verschiedene Hinweise in den Aufnahmen zu erkennen, nicht nur direkt in der einzigen Demonstration für die Straffreiheit der Abtreibung. Da sind die Hippies, die sich an den Seen bei Los Angeles nackt am Wasser zeigten oder im Bikinioberteil zu Hot-Pants durch Manhattan liefen und zuweilen auch in Brunnen Abkühlung suchten. Doch selbst die kunstinteressierte Elite vor dem Metropoliten Museum oder im Skulpturengarten des MoMa trug leger Minirock, große Hüte und lungerte auf Stufen oder im Gras herum.

Besonders amüsiert sich Kuratorin Garrido nicht über die seltsamen Hunde in Begleitung der Frauen, sondern über das Plakatsujet: Eine herzlich lachende elegante Lady in merklich teurer Kleidung hält ihr Eis nebst Tasche und Mantel mit einem Taschentuch. Sie bewegt sich in Richtung eines Schaufensters, in dem eine kopflose männliche Puppe im Anzug steht. Passend zu Wien als der Stadt Sigmund Freuds empfindet die Sammlerin diese Szene mit sich im Glas spiegelnden anonym bleibenden Köpfen, denn auch diese Frau bleibt mit ihrem Gelächter ganz bei sich.

"You must learn to love the obvious", sagte der Fotograf, und er meinte, er studiere mit seiner Serie ganz Amerika. Seine Gendersoziologie schließt Kanada mit ein und reicht von Toronto bis Texas und Las Vegas.

Unterschiedlicher Ansatz - ähnliches Ergebnis


Vor allem aber lauerte er den neuen Emanzen im Central Park auf, wo sie entspannt ihre Freizeit verbrachten, mit berittenen Polizisten lachten oder mit dem Rad unterwegs waren. In einer Telefonzelle stützt eine junge Frau ihr Bein locker an der Wand auf, andere schleppen säckeweise Einkäufe, andere Frauen wiederum tanzen auf Partys, Cafés und Flughäfen sind weitere Orte der lockeren Freizeitgestaltung.

Das Westlicht zeigt als Vergleich im Kabinett die intensive Beobachtung von Frauen durch den tschechischen Fotografen Miroslav Tichý (1926-2011) in dessen Heimatort Kyjov ab 1960. Auf den Straßen, auf Bänken und im Bad lauerte er ihnen mit selbst konstruierten Kameras auf, viele seiner unperfekt ausgearbeiteten Aufnahmen zeigen eine ähnliche besonders individuelle Fixierung auf weibliche Schönheit. Trotzdem hier die feministische Bewegung der siebziger Jahre weniger spürbar ist, gibt es vom ästhetischen Ideal, den Ausschnitten und dem Umgang mit der Kamera Verwandtschaften mit dem bekannten Street-Photographer Winogrand.

Bis 3. August