Ein Kommentar zur Kunstgeschichte, aber auch zur Selbstreflexion des Menschen ist Michelangelo Pistolettos "L’Etrusco". - © Bildrecht
Ein Kommentar zur Kunstgeschichte, aber auch zur Selbstreflexion des Menschen ist Michelangelo Pistolettos "L’Etrusco". - © Bildrecht

Die Spiegel sind in der Gesellschaft der Gegenwart noch zahlreicher geworden, und angesichts von Medienwelt und Überwachung leben wir heute intensiver denn je zuvor in einer künstlichen Spiegelwelt. Die Kunst nimmt den Spiegel als Motiv, Metapher und Artefakt zur Kenntnis, egal ob sozialkritisch oder im Oberflächenschein des Turbokapitalismus. Jeff Koons’ kitschige Glanz-Objekte und der Kitsch selbst sind Spiegelungen sozialpolitischer Zustände und so geht es in "Die andere Seite. Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst" im Unteren Belvedere um viele Facetten und drei Hauptthemen seit den sechziger Jahren.

Das Denken ist ein Spiegel

Mit wichtigen Werken Michelangelo Pistolettos wie "L’Etrusco", "Adam und Eva", Metrocubo" und auch seinem verspiegelten Doppelbett wird die menschliche Selbsterkenntnis über die Wahrnehmung der Unendlichkeit des Kosmos, nicht aber im Sinne barocker Vanitas von diesem Vertreter der "Arte povera" interpretiert. Seine berühmte Figur des Etruskers, der den Spiegel hält, ist ein Werk über die Zeit und unsere Identität, die Kunstgeschichte und intellektuelle Ausweitungen. Nach Joseph Beuys war ja selbst das Gehirn ein Spiegel und das Denken Plastik: Er ist allerdings nur geistig mit dabei. Stattdessen erweitern Objekte von Brigitte Kowanz die Eingangsräume und Kupelwiesers Edelstahlobjekt im Garten ist von einem Bagger zerknautscht.

Kitsch und Vanitas bedienen John Armleder, Bruno Peinado und Elgreen & Dragset mit ihren Totenkopfobjekten und verspiegelten Möbeln zu einer "Last Performance". Besonders ironisch sind die Fotos von Inge Morath über sich spiegelnde eitle Damen im Schönheitssalon Helena Rubinsteins oder die inszenierten Reflexionen der Filmstills von Cindy Sherman. Viele Künstlerpositionen spielen mit unserer Wahrnehmung, insbesondere Gerold Tagwerker, Hans Kupelwieser, Liz Larner oder Heimo Zobernig, bei dem aber der gebrochene Spiegel weitere Felder eröffnet. Mit Franz West schuf Letztgenannter die Versuchsstation "Autosex" mit trübender Selbsterkenntnis. Birgit Jürgenssen untergräbt das Selbst massiv, poetisch und ironisch, in einer seriellen Sitzung mittels Zerrspiegel, Elke Krystufek nützt wie Friedl Kubelka den Spiegel im Hotel für exzessive Selbstbeschau.

Der Selbstverlust und die Fragmentierung, wie sie Joan Jonas mittels Spiegel vorführt, ist um Jacques Lacans Textstudie zur kindlichen Spiegelwahrnehmung - nicht ohne das Gesehenwerden durch die Mutter - ein beliebtes Thema der Kunst. Doch selbst Sigmund Freuds Gefährdung des Ichs kommt in Erwin Wurms Ausstattung des Groteskensaals mit dem "Stressbeulenmann" und nahen Verwandten aus banalen Metall-Würstchen zum Zug.

Durchgang zur Anderswelt


Der Spiegel als Seelengrund oder Durchgang zur Anderswelt ist ein breites Gebiet in Filmen wie dem existenzialistischen "Orphée" von Jean Cocteau 1950 oder Douglas Gordons Reflexion auf "Taxi Driver" 1999. Aber auch die psychedelische Kultur der Beatgeneration bietet mit den gespiegelten Räumen eines Ira Cohen, nahe der Silberfolien-Ästhetik in Andy Warhols Factory, Fotos körperlichen Zerfließens. Einen Raum von 1968, ausgelegt mit weich verzerrender Kunststofffolie, besetzt mit bunt bekleideten Musik- und Pop-Ikonen wie Jimi Hendrix samt astralen Visionen von Opiumköniginnen, kommt wieder nicht ohne Kitsch aus. Wie die Musik von Velvet Underground: "I’ll Be Your Mirror", den Doors und anderen ist die damalige Bewusstseinserweiterung mittels Droge, Sexualität und freier Liebe in dieser Schau als Spiegelung (im Anderen) enthalten.

Die selbstreflexive Erkenntnis der Moderne mit ihren spiegelnden Apparaten als Ersatz für Gottes Auge, zurück über die Anamorphose als Phasenverschiebung der Perspektivkunst der Renaissance bis zum metallenen Ritualobjekt des Totenkults der Bronzezeit beleuchtet Elisabeth von Samsonow kenntnisreich im Katalog, ganz im Sinn eines Loops zu Pistoletto und Lacan: Der Spiegel wird auch zukünftig mit Kunst und Philosophie eng verbunden bleiben.