Joos war Inspiration für Künstler wie Gerwald Rockenschaub oder Esther Stocker. - © Künstlerhaus
Joos war Inspiration für Künstler wie Gerwald Rockenschaub oder Esther Stocker. - © Künstlerhaus

Nach ihrer Ausbildung in Wien bei Ferdinand Kitt, Wilhelm Dachauer und Sergius Pauser ging die in Niederösterreich geborene Hildegard Joos (1909-2004) nach Paris und entschied sich Mitte der 1960er Jahre von der informellen Malerei in eine geometrisch-konstruktive Richtung zu wechseln. Als eine der "Ausnahmefrauen" des 20. Jahrhunderts sind ihre Werke derzeit in St. Pölten, Linz und Wien zu sehen; doch auch ihr große Vorbildwirkung auf die jüngere Generation, ihr Leben in zwei Städten und ihr Teamwork mit anderen sind wichtige Aspekte. Die große Retrospektive im Obergeschoß des Künstlerhauses richtet die Galerie Suppan aus, die nun den Nachlass verwaltet.

Da die Konzentration auf konkrete Formenvokabulare bis in die achtziger Jahre in Österreich wenig verankert war, gründete Joos, geborene Gabriel und verheiratete Jenicek, mit ihrem zweiten Mann Harald Schenker, dem Kunsthistorikerpaar Gertraud und Dieter Bogner sowie einigen Gleichgesinnten 1976 die Gruppe "Exakten Tendenzen". Es gelang damit, diese Richtung neben der dominanten informell-gestischen Abstraktion nachhaltig in Österreich zu etablieren.

Konkrete Kunst und feministische Aktivitäten


Die Malerin konnte sich durch Ausstellungen ab 1962 in Paris und in der Wiener Secession, vor allem mit der bewunderten Serie großer weißer Abstraktionen, verdichteten Farbsubstanzen und gemalten "Gebetsteppichen" als eine von wenigen Künstlerinnen in zwei Städten durchsetzen. Mit Christa Hauer und der 1977 gegründeten IntAkt-Künstlerinnen-Kooperative war Joos neben ihrem Kampf für die konkrete Kunst auch in die feministischen Aktivitäten involviert. Sie entwickelte in Wien und Paris konsequent einige für späteren Generationen geometrisch-abstrakt orientierter Künstler vorbildliche Bildserien, die sie mit Verschiebungen, Balancen, "Äquivoke Evolutionen", Schachbrettbilder sowie "Narrative Geometrismen" betitelte.

Die Philosophie einer Kooperation von Ratio und Gefühl entwickelte sie mit ihrem Partner, der das Manifest der "monistischen Kunst" als Theorie verbalisierte, aber auch als Maler an den Werken beteiligt ist; beide signierten mit HH Joos oder mit einer Schneckenlinie, aus der fünf Strahlen nach oben gerichtet sind.

Frühe Auseinandersetzungen mit Yoga, Zahlenmagie, Mystik und Symbolik begleiteten ihre idealistische Vorstellung einer planetarischen Ordnung, die sich über die Geometrie ausdrückt. Somit gibt es sogar Ähnlichkeiten mit Ideen des Mitbegründers der Minimal-Art im Amerika, Donald Judd.

Späte Würdigungen für ein nachhaltiges Vorbild


Die Übertragung ästhetischer Ordnungsprinzipien auf die Gesellschaft, in einem durchaus sozialkritischen Sinn, interessierte auch nachfolgende österreichische Künstler, die nach ihrem und dem Vorbild der Op-Art einer Helga Philipp der Neo-Geo-Richtung folgen. Diese ist heute zum Glück groß und mit Namen wie Gerwald Rockenschaub, Heimo Zobernig, Barbara Höller, Esther Stocker und Christian Hutzinger längst international etabliert.

Die Gemälde von Joos, die bis über ihr neunzigstes Lebensjahr hinaus mit ihrem 2004 verstorbenen Partner zuletzt rot-blaue Kompositionen und Rasterbilder schuf, spät Würdigungspreise und hohe Auszeichnungen bekam, sind zum Teil schon in den wichtigen Museumssammlungen; für die nun präsentierten Serien, vor allem die Hauptwerke, ist dies auch zu wünschen.