Bezüge zur Zeichensetzung der urgeschichtlichen Kulturen: Holleins Vulkan-Museum in Saint-Ours (Auvergne). - © Aglaia Konrad
Bezüge zur Zeichensetzung der urgeschichtlichen Kulturen: Holleins Vulkan-Museum in Saint-Ours (Auvergne). - © Aglaia Konrad

Zur Architekturbiennale in Venedig 1980 quetschte Hans Hollein die Celsius-Pyramide auf einer Zeichnung zwischen zwei Säulen und schrieb seinen Namen über einen fiktiven Eingang. Das Grabmal der Marie-Christine von Antonio Canova lässt grüßen: Hollein war in Wien, New York oder Rom zu Hause, sein Blick reichte auch in den Weltraum, vor allem in den Utopien der Sechziger Jahre. Modelle, Zeichnungen und seine Kunstwerke versammelt nun eine große Schau im MAK, die an sich nicht retrospektiv, sondern als Hommage zum 80. Geburtstag angelegt war und sein Archiv und die Angewandte beteiligt. Dort lehrte Hollein von 1976 bis 1982 Industrial Design, um dann eine Architekturklasse zu übernehmen. Davor stellte er mit Walter Pichler in der Galerie nächst St. Stephan aus und hatte ab Mitte der Sechzigerjahre Aufträge für die Gestaltung von Geschäften und Ausstellungen. Er punktete mit dem künstlerischen Blick auf die Architektur, und auch der Schritt vom aufblasbaren Büro 1969, ein paar Steinskulpturen über der Stadt Wien und einem Rolls-Royce-Grill in Manhattan als Collage zu großen Projekten gelang.

Von Beuys geadelt


1970 gestaltete er, frei nach seinem Erweiterungsmanifest "Alles ist Architektur" von 1967, "Eine Ausstellung zum Thema Tod" als archäologisches Feld in Mönchengladbach, in der er Besucher nach Münzen und Golfschlägern graben ließ. Aufgrund dieser Spurensuche samt früher Kapitalismuskritik wurde er von Kunstguru Joseph Beuys zum Künstler geadelt. Alte Bau- und Totenrituale begleiteten dann auch seine Biennaleschau von 1972 "Werk und Verhalten, Leben und Tod. Alltägliche Situationen"; zwei der Bahren für Körper, trag- und fahrbar, stehen nun etwas unvermittelt im großen Eingangsraum herum und hätten ein wenig Sand oder ein Podest unter sich als Mini-Inszenierung verdient. Dazu hängt keines der großen Totenhemden von der Decke und spart damit das aus, was so hitzige Debatten auslöste und so weitsichtig war in diesem Werk: die Eingemeindung von Kitsch.

Hollein blieb trotz vieler Angriffe bei großen Festwochenausstellungen wie "Traum und Wirklichkeit" oder "Die Türken vor Wien" nach 1980 dabei, eigenwillig einer postmodernen Faszination am Manierismus zu huldigen. Eine kleine Goldcouch für Sigmund Freud beleuchtete er in Blau, seine Palmen im jetzt zerstörten Verkehrsbüro waren legendär, seine Möbel und sein Geschirr wagten den Schritt vom mondänen Superdesign zur neuen Protzigkeit, federngeschmückt zuweilen. Seine Zitate nach Josef Hoffmann und Adolf Loos füllten gelehrte Diskussionsrunden. Seine Modelle wie seine interessanten Skizzen erzählen Kunstgeschichten, die Bände füllen könnten. Kein Geringerer als Wilfried Kühn hat die Gestaltung daher nach der Raumfolge in Art eines Kleeblatts wie im ersten Großprojekt, dem Museumsbau von Mönchengladbach (1972-1982) übernommen. Diagonale Durchsichten sprechen auch hier. Für diesen Bau bekam Hollein den Pritzker-Preis als bis jetzt einziger Architekt aus Österreich. Und auch dort, in Mönchengladbach, läuft bis Herbst eine Schau zu seinem Werk.

Die Sicht der jungen Generation auf Hollein ist kühl - zu kühl. Die Fotos von Aglaia Konrad und Armin Linke von seinen Bauten werden im ersten großen Raum mit architektonischer Gewichtung nach rechts in eine Folge von quadratisch angefügten Räumen mit diagonaler Durchsicht meist rahmenlos im Raster oder als Papierausdruck präsentiert. Weder das Frankfurter moderne Museum verrät etwas von seinem "Tortenstück"-Charakter noch das Vulkanmuseum in Südfrankreich von seinem archäologischen Schichtendenken.

Nah am Menschen


Holleins kluge Blicke aus der Gegenwart zurück bis in die Ur- und Frühgeschichte waren nah am Menschen, die Einbeziehung der menschlichen Wärme, ganz heiß auch in Form eines Frauenkörpers oder einer Phallussäule, schwenkbar in die Zukunft.
Sie bleiben hier leider ohne Gegenreaktion. Seiner progressiven Haltung fehlt damit ein wesentlicher Teil und die eigentlich gute Themengliederung ist mit zu beliebigen Anordnungen kombiniert. Um seine Revolution weg vom Funktionalen darzustellen, hätten ein paar grelle Akzente, nicht nur in der Farbigkeit, und vielleicht doch ein Künstlerkurator, gut getan.