Die Ausstellung "A Singular Form" in der Secession bietet einen Befreiungsschlag gegen künstlerische Bestimmung nach westlichen Kunstgeschichts-Sichtweisen. - © Oliver Ottenschläger
Die Ausstellung "A Singular Form" in der Secession bietet einen Befreiungsschlag gegen künstlerische Bestimmung nach westlichen Kunstgeschichts-Sichtweisen. - © Oliver Ottenschläger

Im Hauptraum der Secession steht das von Peter Madsen nachgebaute Herzstück eines alten Wikingerschiffs aus Holz - die zwei verzahnten Teile eines Baumstamms heißen Mastefisk und Kølsvin. Sie sind dem Gegenpart der beiden Teile der Skulptur von Henry Moore vor der Karlskirche nicht unähnlich, könnten aber auch ein aus afrikanischen Kulturen nach Europa verschleppter Ritualgegenstand sein. Ob es nun Kunst oder Alltagsgegenstand ist, stellt sich als Frage auch angesichts des zweiten Objekts, einer venezianischen Fórcola, in die der Gondoliere sein Ruder einsetzt. Sie wird in der Vitrine vor dem Grafischen Kabinett zum Heiligtum des Schreins neuer Kunstphilosophie - dahinter tapeziert Dustin Ericksen den Raum mit einer Schuhtapete: Sportschuhe schweben vor einem Hintergrund in Orange. Sein bemaltes Objekt, eine Art Schachtelpodest mit Eingriffen, die eine abstrakte Gesichtsform suggerieren, steht hier und verteilt am ganzen Ausstellungsparcours; Kurator Pablo Lafuente nutzt es, um sich zur Sprechskulptur zu erheben.

Überraschende Perspektiven


Wir erinnern uns mit Ericksens modularem Objekt: Donald Judd nannte seine minimalen Möbelskulpturen "specific objects", und mancher Künstler wollte schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch Form, Material und Komposition darauf aufmerksam machen, dass wir Kunst nur durch eine Reihe von Beziehungen als solche erkennen, wozu Erziehung und bestimmte Räume beitragen. Nun übernimmt die Secession mit dieser weiteren kritischen Auseinandersetzung sozusagen das Ruder des Wikingerschiffs im Transformieren. Die Fahrt - damals vielleicht schon annähernd weltweit - wird in der Galerie auf dem Spielplan-Diagramm zum Partizipieren an einem künstlerischen Experiment von Ricardo Buchsbaum zum Labyrinth mit vielen Ausgängen. Dabei lässt sich mit Kunst auf einem Bett lagern.

Der gesamte Weg durchs Haus bietet einen Befreiungsschlag gegen rein künstlerische Bestimmung nach westlichen Kunstgeschichts-Sichtweisen: Intention, Autorschaft, Zweck und Funktion verschwimmen und ermöglichen viele, teils überraschende Perspektiven. Im architektonisch beschnittenen Hauptraum wird die Fórcola von Asier Mendizabal in schwarz-weißer Fotografie samt Umrahmung zur Kunst, während daneben seine "Columna infame" oder anonyme Holzschnitte auf Tischelementen zur Funktion tendieren und die Doppellöffel von Nicole Wermers auf einem Tuch am Boden neben einfachen Teelöffeln, in eine Richtung gelegt, ihre praktische Verwendung im Museumscafé verlieren.

Reste tradierter Bildsprache


Von Verlusten an Kultur und unserem Umgang mit historischen Formvokabularen spricht auch die Sammlung von Fotografien Gérard Franceschis, die 1961-1965 für ein Projekt von Asger Jorn gesammelt wurden. Jorn gehörte zur Künstlergruppe "Cobra", die nach 1945 neue Muster suchte für das, was um 1900 "primitive Kunst" genannt wurde, und mit Paul Gauguin und Pablo Picasso Bewegung in die erstarrten Salonkunst in Paris einsickerte. Jorn suchte mit "10.000 Jahre nordische Volkskunst" den Ursprung von Formen in Überresten einer gemeinsamen Bildsprache, die sich auch noch im Christentum tradiert.

Es ist ein Blick zurück und zugleich in die Zukunft, den die Secession mit dieser Formdiskussion erneut aufnimmt: weg von Hierarchien, Reihungen oder schematischen Archivierungen. Ein Teil von 20.000 Bildern wird auf den Tischelementen präsentiert, auch Aby Warburgs "Atlas" taucht da vor inneren Augen freien Forschergeists auf.

Abseits des Katalogs, der, neben Lafuente, Jorn oder Franz Boas zu Wort kommen lässt, ist am heutigen Nachmittag eine Konferenz zu "A Singular Form" an der Akademie angesetzt: In "Art as exhibition" werden dort das beliebige Objekt und Ästhetik als Bildpolitik verhandelt.

Ausstellung

A Singular Form

Pablo Lafuente (Kurator)

Secession

Bis 24. August