Eintauchen russischer Maler in vorzeitliche Mythen: Michail A. Wrubels "Pan" (1899). - © Tretjakovskaja
Eintauchen russischer Maler in vorzeitliche Mythen: Michail A. Wrubels "Pan" (1899). - © Tretjakovskaja

Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Österreich begann mit der Teilnahme realistischer russischer Maler auf der Wiener Weltausstellung 1873. Besonders intensiviert wurde er aber um 1900, als dem Wiener Jugendstil ein "silbernes Zeitalter" nach dem goldenen der Literatur eines Fjodor Dostojewski und Leo Tolstoi gegenüberstand. Dieser silberne Weg in der bildenden Kunst ist der vom Symbolismus in den Modernismus der Revolutionskünstler.

Die Schau hält sich an die Chronologie von drei Ausstellungen in Wien 1901 und 1908 in der Secession und 1914 im Kunstsalon Heller. 1908 wurden einige Werke für die Neue Galerie angekauft, sie bilden, zusammen mit Archivfunden Alfred Weidingers die Basis der vom russischen Gastkurator Konstantin Akinsha betreuten Ausstellung "Silver Age".

Symbolistische Einflüsse


Ehe Sergei Djagilew nach Paris auswanderte und dort die berühmten "Ballets Russes" ins Leben rief, gründete er 1899 in St. Petersburg die Künstlergruppe "Mir Iskusstwa" (Welt der Kunst). Ihr gehörten Künstler wie Konstantin Korowin oder Nicholas Roerich an; mit deren Arbeiten und den Majolikaskulpturen Michail Wrubels im ersten Raum wird die XII. Secessionsschau von 1901 rekonstruiert.

Pan und die Weite der geheimnisvollen Natur sind hier neben historischen Schlachten dominant. Wrubels Liebesgott "Lel" fand Weidinger im Nachlass Gustav Klimts mit Hilfe eines Ausstellungsfotos von 1901 wieder. Korowins symbolistisches Monumentalbild einer kargen sibirischen Landschaft verdeckte damals den schon fertigen Beethovenfries Klimts; die für die Moderne so wichtige Volkskunst und Märchenillustrationen eines Iwan Bilibin, aber auch die dekadente Traumwelt des Adels, illustriert von Konstantin Somow, schließen hier an.

1908 war die XXXI. Schau der Secession dann nicht nur in einem Raum untergebracht, sondern das ganze Haus war der russischen Szene gewidmet; zu "Welt der Kunst" kam die von "Scharlachroter Rose" in "Blaue Rose" umbenannte Künstlergruppe, die spät von Novalis’ romantischer Suche nach der "blauen Blume" schwärmte. Wie Rainer Maria Rilke die russische Literatur verehrte, kamen dort Arthur Schnitzler und Sigmund Freud zu Ansehen. Rilkes Porträt stammt von Leonid Pasternak, dem Vater des "Doktor Schiwago"-Autors.

Boris Kustodijews auch von französischen Künstlern angeregtes "Familienbild" des Belvedere, ehemals ein Skandalwerk, wurde damals angekauft. Das Plakat stammte von Lew (Léon) Bakst und zeigt eine Frau an der Staffelei. Elena Makowskaja, Schülerin von Ilja Repin, Beteiligte der Beethovenausstellung 1902, lernte Secessionsmitglied Richard Luksch in Dachau in der Malschule Adolf Hölzels kennen. Auch nach der Hochzeit hielt sie lebenslang Kontakt zur Gruppe "Welt der Kunst"; ihre russischen Volks-Bilderbögen wie "Sauna" und "Rauferei" zeigen eine ironische Note.

Mit Bakst, Roerich, Bilibin, Sergei Sudeikin, aber auch Emil Orlik und Alfred Roller ist ein großes Kapitel den "Ballets Russes" gewidmet, die übrigens während der gesamten Zeit ihres Bestehens (1909-1929) nie in Russland gastierten. Durch diesen Bezug zum Ballett können in der Schau auch die restaurierten Kostüme der Tänzer aus russischem Privatbesitz sowie die Bühnenentwürfen präsentiert werden.

Nijinski in Wien


Wien war auch Aufenthaltsort für den Startänzer Vaslav Nijinski - zuerst als auftretender Künstler, dann als Schizophrenie-Patient am Steinhof. Das Kabinett widmet sich dem Ausnahmetalent, bevor ein anderer Wiener Gast und die Folgen seines Denkens den Abschluss des "silbernen Zeitalters" in Russland bilden: Leo Trotzki schrieb 1908 für ein russisches Magazin in Wien über ein Kunstgespräch im Café Central. Der lesenswerte Artikel ist im Katalog zu finden.

Die Schau finalisiert "Silver Age" mit Propagandaplakaten der russischen Revolution, die Künstler wie Wladimir Majakowski, Dimitri Moor und Viktor Deni polemisch gegen Adel und Bürgertum schufen. Die KPÖ Österreichs platzierte sie nach 1920 in Rosta-Schaufenster. Die "Blaue Rose" war da bereits von der Künstlergruppe "Karo Bube" abgelöst, die sich die aufgenähten schwarzen Quadrate der Kleidung Strafgefangener zum Emblem kürten. Und der Konstruktivismus El Lissitzkys beendet die Naturformen des Jugendstils radikal.

AuSstellung

Silver Age

Russische Kunst in Wien um 1900

Alfred Weidinger, Konstantin Akinsha (Kuratoren)

Unteres Belvedere

Bis 28. September