Martha Jungwirth konfrontiert ihre energiegeladenen Bilder mit ironischen Titeln: Aus der Serie "Pädagogisch wertlos". - © Bildrecht/Rastl
Martha Jungwirth konfrontiert ihre energiegeladenen Bilder mit ironischen Titeln: Aus der Serie "Pädagogisch wertlos". - © Bildrecht/Rastl

Als Martha Jungwirth 1962 zum ersten Mal in der Galerie zum Roten Apfel in Wien ihre impulsiven Arbeiten zwischen intuitivem Fleck und eigensinniger Wirklichkeitsschau zeigte, waren die bekanntesten Kunstkritiker überzeugt von so viel Talent - und das, obwohl die Mischung real-abstrakt eher verpönt war. Nun hat die 1940 in Wien geborene Künstlerin endlich eine lang verdiente Retrospektive in der Kunsthalle Krems. Wichtige Preise und ein Lehrauftrag an der Angewandten folgten nach ihrem Studium bei Carl Unger; als Lehrende war sie ungewöhnlich und anregend, denn sie setzte überraschten Schülerinnen 1974/74 Schreibmaschinen und Zwiebeln zum Abzeichnen vor. Der bekannte Kunstkritiker Alfred Schmeller, Direktor des modernen Museums, war ihr Mann und gemeinsame Reisen nach Amerika, Ägypten und Griechenland lösten ihre Lust an "Malfluchten" aus.

Geografie aus dem Weltraum


Doch ebnete ein zweiter Kritiker ihr Weiterkommen 1968: Otto Breicha, später Direktor in Salzburg, versammelte sechs unterschiedliche Talente zur losen Gruppe "Wirklichkeiten" in der Secession, und 1977 gelang Jungwirth nach Harald Szeemanns Konfrontation ihrer Alltagsküchengeräte im 20er Haus mit "Junggesellenmaschinen" (nach dem Begriff Marcel Duchamps) der Sprung zur "documenta 6" in Kassel. Mit ihren fünf männlichen Kollegen waren die "Wirklichkeiten" in Österreich die eigentlichen Auslöser der neuen wilden Malerei neben Installation und Neuen Medien.

Die großformatigen Zeichnungen "Indesit" und "Aus meiner schwarzen Küche" zeigten nach ihren erotisch mit Boliden verwachsenen Körpern, dass auch das Dampfen, Zischen, Wackeln und Explodieren von Töpfen, Spülmaschinen und Elektrokästen mit aufglühender Farbigkeit oder zornigen Linienknäuel darstellbar ist. Es gibt kaum eine grafische Äußerung, die an diese energiegeladenen Experimente heranreicht. In der Malerei versuchte sie adäquat, wie aus dem Weltraum, ganze Geografien von Inseln festzuhalten - besonders gelungen in ihren großen Aquarellen nach Eindrücken aus Bali, die sie dort in alten Kassabüchern skizzierte.

In die nationale Kunstszene wollte sie sich nicht einfügen, bis heute sind ihr gesellschaftliche Verpflichtungen unangenehm, regen aber herrlich ironische Zyklen wie "Fundraising" von 2013 an. Daher vergaß man leider seitens der Museumskuratoren, sie auf internationale Leistungsschauen des Landes mitzuschicken. Mit feministischen Positionierungen ihrer Kolleginnen wollte sie - trotz ihrer Themen - nichts zu tun haben. So ist ein Großteil ihres Werkes nach eher geringer Ausstellungsaktivität der letzten Jahrzehnte noch zu entdecken. Nachdem Albert Oehlen ihre Bilder als seine Favoriten aus dem Fundus der Ankäufe des Sammlerpaars Essl 2010 auswählte, fiel sie der jungen Generation endlich auf. Nun gibt die große Retrospektive in Krems den Blick in breitem Umfang auf ein zu Unrecht unterschätztes Werk frei.

Individueller Malakt


Allerdings spart Jungwirth dabei in gewohnter Eigenwilligkeit ihre poppige Phase aus und konzentriert sich auf den ihr wesentlichen Malakt, der elegant zwischen Abstraktion und Gegenstand balanciert. Spontane und experimentelle wie durchdachte kalkulierte Momente schließen immer die Spuren des Machens und ihre Vorlieben für Pappe und grobe Papiere mit ein. Immer leidenschaftlich beteiligt, gibt die Künstlerin verbal preis, dass es performative Situationen sind, in denen das "...flecken herausschleudern aus dem eigenen körper" dominant sind.

Im Haus der Schmellers in Neumarkt traf sich die Beatgeneration, deren Schwenk zur Weltkunst Peter Handke und Elfriede Jelinek gelang. Nun ist es zu wünschen, dass dieses wichtige Werk zwischen "Modernen Kentauren" und Waschmaschinen bis zu den mythischen "Kykladen" und "Pädagogisch wertlos(en)" Porträts ebenso selbstverständlich Österreich noch einmal verlässt in internationale Gewässer.